Von Wilhelm Backhaus

In Thomas Manns „Buddenbrooks“ streiten sich einmal der Senator Thomas Buddenbrook und seine schöne Frau Gerda über Musik. Die Liebe zwischen beiden ist allmählich erkaltet, und Gerda hat sich mit ihrem heranwachsenden Sohn immer mehr in das Reich der großen musikalischen Kunst zurückgezogen, wohin ihr Gatte ihnen nicht folgen kann. So fühlt er sich ausgeschlossen, verletzt. Und er versucht, das herabzusetzen, was ihr wesentlicher Lebensinhalt ist. Er nennt ihr Auftrumpfen mit dem „musikalischen Wert“ dünkelhaft und geschmacklos und verteidigt die ihm angenehmen Arten der leichten Musik. Darauf erwidert ihm Frau Gerda: „Was freut dich in der Musik? Der Geist eines gewissen faden Optimismus, den du, wäre er in einem Buche eingeschlossen, empört oder ärgerlich-belustigt in die Ecke werfen würdest. Schnelle Türfüllung jedes kaum erregten Wunsches ... prompte, freundliche Befriedigung des kaum ein wenig aufgestachelten Willens ... Geht es in der Welt etwa so zu, wie in einer ‚hübschen‘ Melodie?“ ...

Diese Charakteristik, die Thomas Mann von der leichten, allzu leichten Musik gibt, ist ein Schlüssel zum Verständnis für den ungeheuren Konsum dieser Art von Musik in heutiger Zeit. Der „gewisse fade Optimismus“, die „schnelle Erfüllung jedes kaum erregten Wunsches“, die „freundliche Befriedigung des kaum ein wenig aufgestachelten Willens“ – alles dies ist das, was dem gegenwärtigen Durchschnittsmenschen die Unterhaltungsmusik so lieb macht. Gerade, weil er selbst im Grunde pessimistisch ist, benutzt er ihren billigen Optimismus als Dauerstimulans. Weil seine Wünsche so selten erfüllt werden, liebt er die simplen illusionären Erfüllungen. Und weil er in seinem Alltag unentwegt seinen Willen anspannen muß, ist er beglückt, ihn hier einmal rasch befriedigt zu sehen. Gerade weil es in der Welt durchaus, nicht wie in einer hübschen Melodie zugeht, sind ihm die leichten, einfältigen Melodien so überaus wohltuend.

So kommt es, daß heute unendlich viele Menschen – von denen man nicht einmal grundsätzlich sagen kann, daß sie niveaulos seien – zu Dauerverzehrern von Unterhaltungsmusik werden. Kaum ist einer von der Arbeit nach Hause gekommen, so fährt schon die Hand zum Knopf des Rundfunkgerätes, und der leichte Strom der Töne fängt zu fließen an. Meist hört man freilich nicht genau hin. Es ist die Tonkulisse, die man nicht entbehren will. Diese Tonkulisse gibt das Gefühl, nicht allein zu sein; denn der heutige Mensch will nur sehr ungern allein sein. Man hat das mit der großen Angst erklärt, die in der Tiefe vieler Seelen nistet: mit der unbestimmbaren Angst, die in der Einsamkeit ihr Haupt erhebt. Doch diese Angst tut’s nicht allein ...

Ich hätte Lust, den heutigen Menschen mit einer Glühbirne zu vergleichen. Die Glühbirne ist eigentlich nur vorhanden, wenn sie brennt, wenn ihr Faden glüht, wenn der Strom durch sie hindurchgeht, wenn sie eingeschaltet ist. Sonst ist sie ein kalter, toter Gegenstand. Ist es nicht so, daß der gegenwärtige Mensch ebenfalls immer einer Stromzufuhr bedarf, um innerlich lebendig zu sein? Daß er ebenfalls sozusagen tot ist, wenn ihm der äußere Reiz fehlt? Ganz wie die Dinge der technischen Umwelt, die er sich geschaffen hat, muß auch er von außen her gewissermaßen betrieben werden. Nicht, daß er diese Reize unbefangen auf sich wirken läßt; nicht daß er sich in die leichte Musik versenkt und von ihr tragen läßt, daß sie für ihn ein „divertimento“ wäre wie Mozarts „Kleine Nachtmusik“ für ihre Zeitgenossen. Musik kann auf den Hörer in dreierlei Weise wirken: als akustischer Reiz (als „Geräusch“ also), als angenehmer Klang, als geformter Ausdruck von Stimmungen. Früher muß es mehr Menschen gegeben haben, die sich nicht mit der zweiten Weise begnügten.

Der Literaturhistoriker Walzel wies in seinem Kolleg, als er das um 1550 erschienene „Rollwagenbüchlein“ von Jörg Wickram besprach, darauf hin, daß diese gehaltvollen Erzählungen und Betrachtungen damals als Reiselektüre – eben zum Lesen im Rollwagen, dem Verkehrsmittel der damaligen Zeit – geschrieben worden seien; sie hätten also demselben Zweck gedient, wie die flotte Lektüre, die man heute in den Händen vieler Eisenbahnreisenden sieht. Walzel schloß daran die ironische Bemerkung, man könne bei diesem Vergleich feststellen, wie sehr doch der Mensch inzwischen fortgeschritten sei...