Die Amerikaner wundern und beklagen sich darüber, daß die Araber sie für eine unkultivierte Nation halten. Da fuhr ein Mister Wendell Phillips, Präsident der „American Foundation for the Study of Man“, nach dem Yemen. Er war im Flugzeug – wohl unerlaubter Weise – über Marib geflogen, hatte aus der Luft die Reste der alten sabäischen Stadt und den im vierten Jahrhundert n. Chr. zerstörten Staudamm gesehen, der einmal dazu gedient hatte, einen Teil der arabischen Wüste zu bewässern. Mr. Phillips erklärt, dieser Anblick habe in ihm die Sehnsucht geweckt, hier Ausgrabungen vorzunehmen. Er behauptet, der Imam von Yemen habe ihm hierzu volle Erlaubnis gegeben. Kenner des Landes und Freunde der yemenitischen Königsfamilie halten dies allerdings zum mindesten für ein Mißverständnis. Die Landschaft des Dschof, in der Marib liegt, gehört zwar zum Staate Yemen, die dortigen Beduinenstämme jedoch sind dem Lande nur tributär eingegliedert. Niemals hätte der König des Yemen den Amerikanern – Gästen des Landes also – eine Grabungslizenz in Marib gegeben, ohne ihnen Truppen seiner Armee zum Schutze mitzugeben. Niemals auch hätten sie die Erlaubnis erhalten, Ausgrabungsstücke auszuführen – wie es diese Expedition in der Tat getan hat, statt sie dem Museum in Sanäa abzuliefern.

Die Amerikaner haben also offenbar ohne eine einwandfreie Erlaubnis in Marib gegraben. Sie haben Reste eines sabäischen Tempels freigelegt, der nach ihren Angaben aus dem 8, Jahrhundert v. Chr. stammen soll. Solche Datierungen sind aber völlig willkürlich, was schon aus der Tatsache hervorgeht, daß die Wissenschaft heute noch nicht im Stande ist, mit Sicherheit zwischen minäischer und sabäischer Kunst zu unterscheiden. Sie haben eine Statue ausgegraben, die in den Veröffentlichungen der Expedition gleichfalls willkürlich in das „Zeitalter der Königin von Saba“ versetzt, ist. In Wirklichkeit dürfte sie viel später sein. Ebenso unsicher ist auch die Zuschreibung zu einem „Mondkult“, Angeblich hat die Expedition auch einen Goldschatz gefunden, und angeblich ist dies der Anlaß dafür gewesen, daß Beduinen das Lager angriffen und die Amerikaner zum Abzug zwangen. Mr. Phillips, der immerhin eine Reihe Inschriften nach den USA entführte, hat offene Briefe an den König des Yemen gerichtet. Wer aber von einem Lande so wenig versteht, wie er von Yemen, wer nicht begreift, daß die yemenitischen Araber zu ihrer Vergangenheit eine lebendige, eine magische Beziehung haben, sollte sich nicht daran machen, so wichtige Dinge auszugraben, wie die alte sabäische Stadt Marib. Er sollte sich vor allem nicht darüber beklagen, daß wertvolle. und einmalige kulturelle Schätze, die bisher heilig gehalten wurden, nun vermutlich von fanatischen Beduinen vernichtet worden sind. Die Schuld hieran trifft ihn selber. Martin Rabe