Politisch gefährlich erscheint die neo-liberalistische Gedankenführung deshalb, weil sie völlig einseitig jede unternehmerische Marktverständigung als eine gegen das Interesse des Konsumenten gerichtete Verschwörung hinstellt; politisch gefährlich deshalb, weil dieses Bild Instinkte anspricht, die die allein angemessene sachliche Atmosphäre mindestens trüben. Seitdem es gelungen ist, der öffentlichen Meinung den extremen Anti-Kartell-Gedanken als wichtigstes Bollwerk zugunsten der allein schutzwürdigen Konsumentenschaft gegen kapitalistisches Ausbeutungsstreben zu suggerieren, ist zu befürchten, daß mancher Abgeordnete, dem es an Sachkunde oder an Charakterstärke fehlt, davor zurückschrecken wird, als „sozialer Unhold“ gebrandmarkt zu werden. Kaum einer von ihnen wird sich die Mühe machen, den vielen kleinen und mittleren Unternehmern „aufs Maul zu schauen“ und sich von ihnen belehren zu lassen, wie oft solide und leistungsfähige Betriebe an den Rand des Zusammenbruchs gebracht worden sind – keineswegs immer durch die unerbittliche Logik des Marktgeschehens, wie sie sich in den Lehrbüchern darstellt, sondern durch Panikstimmungen bei der Abnehmerschaft, von denen kumulative depressive Wirkung auf an sich intakte Wirtschaftszweige auszugehen pflegt. Der sittliche Mut, mit dem gelegentlich die Gesundheit einer Wirtschaft an der Zahl der Konkurse gemessen wird, darf als gesunder Realismus auch dann begrüßt werden, wenn sein Träger auf sicherem Lehrstuhl nur den statistischen Niederschlag solcher Zusammenbrüche erlebt. Aber auch die den Forscher zierende Härte gegen seine Umwelt macht seine These allein noch nicht objektiv richtig.

Denker und Schulen

Die hier vertretenen Gedankengänge stützen sich auf Namen wie Schumpeter, wagemann, Schmalenbach und andere, deren Lebensarbeit wichtigste Pfeiler für das gedankliche Gerüst geliefert hat, in dem unser spätes Zeitalter seine marktwirtschaftliche Grundhaltung rechtfertigt. Wie betrüblich, daß die Anregungen dieser Meister deshalb nicht ausgewertet werden, weil sie nicht in das Denkschema von Schulen hineinpassen! Ihr Gedankengut für die bevorstehende wissenschaftliche Auseinandersetzung fruchtbar zu machen, ist das Gebot der Stunde. Niemand wird dem Neo-Liberalismus das bedeutsame wissenschaftsgeschichtliche Verdienst abstreiten, das er sich durch Herausarbeitung der strengen Modellgesetze erworben hat. Ohne diese Leistung konnte die nächste Stufe nicht erstiegen werden. Auf ihr fußend und durch sie geschult, wird unsere Generation den Blick wieder stärker der Erforschung der konkreten Gegebenheiten in ihrer unendlichen Vielfältigkeit zuwenden müssen. Bei der Erfüllung dieser Aufgabe befindet sie sich in einem eindeutig taktischen Nachteil gegenüber der Freiburger Schule. Diese erklärt alles wirtschaftliche Geschehen aus einem einzigen, eindeutigen, leichtverstehbaren, in sich geschlossenen Schema. Der propagandistischen Durchschlagskraft, die ihr daraus erwächst, können nur solche Erkenntnisse entgegengesetzt werden, die nicht aus dem freischwebenden Intellekt geboren werden, sondern aus der intensiven und langen Anschauung der Wirklichkeit. Diese bedeutet den Verzicht auf die intellektuelle Beglückung, wie sie das Modell-Denken verschafft. Sie setzt einen betriebsnahen Beobachtungsposten und zugleich ein überwiegend systematisches Interesse voraus – also eine Kombination, wie sie jedenfalls weitaus seltener ist als die für Lehrstühle und Redaktionen typische Geisteshaltung. Um so wichtiger ist es, daß die gedanklichen Bemühungen um eine sinnvolle Wettbewerbsordnung nicht ausschließlich betriebsfremden Theoretikern überlassen bleiben.

Erst Enquete – dann Gesetzgebung

Die rechtspolitische Folgerung, die zunächst einmal gezogen werden muß, führt zu der Mindestforderung: keinesfalls darf der von der Bundesregierung vorgelegte Gesetzentwurf jetzt beschleunigt verabschiedet werden. Wissenschaft, Parlament und Öffentlichkeit müssen Gelegenheit bekommen, die vorstehend skizzierten Probleme in ihrer ganzen Tiefe auszuloten. Denn gerade in dieser Einsicht liegt ein entscheidendes Verdienst der neo-liberalistischen Schule: die Entscheidung über die Wettbewerbsordnung hat verfassungsrechtlichen Charakter, d. h. sie legt die Grundlinien für die Wirtschaftsverfassung fest und bindet damit alle spätere Wirtschaftsgesetzgebung und -verwaltung. Man kann sich, dieser Forderung gegenüber nicht etwa darauf berufen, daß nach dem Kriege eine selbst für den Sachkundigen nicht mehr übersehbare Zahl von Kartellgesetzentwürfen ausgearbeitet worden ist. Alle diese Entwürfe sind ganz oder überwiegend von der einseitigen und dogmatisch starren wirtschaftspolitischen Auffassung beeinflußt worden, die weiten Kreisen der Wirtschaft und der Wissenschaft als abwegig gilt. Diese Gegenmeinung war durch die politischen Verhältnisse der ersten Nachkriegsjahre überhaupt zum Schweigen verurteilt und hat sich auch seit 1949 aus naheliegenden psychologischen Gründen nicht entsprechend ihrer tatsächlichen Bedeutung öffentlich geltend machen können. Erst in den letzten Monaten haben die berufenen Kreise und Gremien die akute Gefahr erkannt und – wie jüngst der Industrie- und Handelstag und zahlreiche Wirtschaftsverbände – ihren Protest gegen den Gesetzentwurf der Bundesregierung angemeldet.

Natürlich kommt auch derartigen Protesten kein Beweiswert zu. Das der Aufgabe angemessene Verfahren kann nur darin bestehen, daß die Bundesregierung eine Enquete-Kommission aus Vertretern der verschiedenen wissenschaftlichen Lehrmeinungen, der Wirtschaftsverbände, Gewerkschaften und Parlamente bildet. Zeit und Kosten der von dieser Instanz durchzuführenden umfassenden Untersuchungen dürfen keine Rolle spielen, wenn es darum geht, dem deutschen Volk eine Wirtschaftsverfassung zu geben, die europäischer Geisteshaltung und der Wirtschaftsstruktur unseres Kontinents entspricht.