Die Neuerungen an der Zonengrenze sind für die auf der Ostseite wohnenden Deutschen fürwahr schlimm genug; da ist es wenig nützlich, Unruhe auch auf der westlichen Seite zu verbreiten, wie dies durch eine Meldung des Grenzschutzes geschah, daß die sowjetzonalen Behörden südwestlich von Hornburg die Grenze nach Westen vorverlegt hätten. – Hornburg ist eine kleine Stadt im Braunschweigischen: sehr alt, sehr pitoresk, mit Häusern, die sogar den Dreißigjährigen Krieg überstanden haben. Man sieht die Kette der Harzberge, sieht den aufragenden Brocken. Seit dem Kriege spüren die Menschen dort auch die Nähe der Grenze. Flüchtlinge kamen; Grenzgänger wanderten bei Nacht hin und her. Vor Jahren wurde die Besitzerin eines Hornburger Landgutes auf ihrem eigenen Grund und Boden von zwei russischen Soldaten, die plötzlich auftauchten, grob attackiert, sie solle aus ihrem Wagen steigen – „Kapitalisten“. Doch ihr Kutscher, ein masurischer Flüchtling, der sich ein wenig auf die russische Sprache verstand, redete ihnen gütlich zu. Seither ist es zu keinen Belästigungen mehr gekommen, weder von Seiten der Russen, noch der Volkspolizei. Um so schlimmer wirkte die Meldung, daß die ostzonalen Behörden sich soeben unterfangen hätten, die Grenze „vorzuverlegen“. Jetzt wurden die Hornburger zum ersten Male seit langer Zeit nervös. Worauf ein paar Fahrzeuge des Grenzschutzes demonstrativ durch das Städtchen fuhren. War’s so gemeint, daß der Gummi der Autoräder die Zeilen jener „Meldung“ wieder ausradieren sollte? So viel ist gewiß: daß am einzigen Ort, wo auf westdeutscher Seite an der Zonengrenze Nervosität entstand, der eigene Grenzschutz sie verursacht hat...

Das Land ist bei Hornburg leicht wellig. Strotzende Felder. Dann ein Stück Wald. Am Waldrand ein Zollbeamter. „Stopp“. Der Beamte erkennt das Auto vom Gut. Jetzt die Grenze. Bisher war sie äußerlich nicht kenntlich. Heute ist sie es. Hügelan, hügelab haben Traktoren drüben jenen Pfluggraben gezogen, von dem heute so viel die Rede ist. Erst gepflügt, dann gewalzt. Der Graben ist flach, aber immerhin zehn Meter breit. Wie dieser Graben so mitten durch die Felder läuft, sieht die ganze Sache ebenso peinlich genau wie irrsinnig aus. Der „Bosheitsgraben“, so nennen’s die Leute im Braunschweigischen. Flüchtlinge die von drüben kamen, erzählen freilich, er sei als Signal gedacht: ‚Bis hierher und nicht weiter!‘ Und – was schlimmer ist – es sei die Anweisung gegeben, daß die Volkspolizisten auf jeden schießen sollen, der den Graben betritt. – „Werden die Volkspolizisten schießen?“ – „Die einen: ja, die anderen: nein. Es wird verschieden sein“, erwiderten die Leute aus der Ostzone. Wenn dem so ist, dann wird der „Bosheitsgraben“ noch einmal der „Mordgraben“ genannt werden.

Sobald der Feldweg aus dem Wäldchen herausführt, sieht man nicht nur diesen Graben, den man sich über viele, viele hundert Kilometer nordwärts bis zur Ostsee und südwärts bis zur bayrischen Grenze verlängert denken muß, sondern man sieht greifbar nahe hübsche Dörfer Noch arbeiten drüben einige Menschen auf den Feldern zwischen dem Graben und ihren Häusern. Aber es sind schon andere Einwohner dieser Dörfer herübergekommen und haben berichtet, daß eben jetzt all diese grenznahen Siedlungen geräumt würden – zwangsweise geräumt, natürlich: Volkspolizisten seien in Kraftwagen gekommen, hätten erklärt, es sei Befehl, daß fortan sie selbst in diesen Häusern wohnen sollten, um die „Deutsche Demokratische Republik“ vor den westlichen „Provokateuren“ zu schützen. Ihre Lastwagen ständen bereit, die Dorfbewohner ins Innere des Landes zu bringen. Und wirklich fuhren die ersten Wagen mit ihrer Menschenfracht schon ab. Wie es hieß: nach Zerbst... Vormittags hat drüben die Glocke vom Kirchturm noch geläutet. War’s das letzte Pfingstgeläut? „Glauben Sie, daß die Glocken für die Vopos läuten werden?“ erwiderten die Leute, die soeben aus der Ostzone gekommen sind. Betende Volkspolizisten – das scheint drüben kein gewohnter Anblick zu sein ...

Bis auf den neuen Graben ist jenseits der Grenze nichts von Neuerungen zu sehen. Die Flüchtlinge berichten allerdings übereinstimmend, daß sich an den Graben ein sogenannter 500-Meter-Streifen anschlösse: die Einwohner dieses Gebietes hätten abends Ausgangsverbot. Auf den 500-Meter-Streifen soll dann eine Fünf-Kilometer-Zone folgen: deren Einwohner erhielten einen Spezialausweis. Wer keinen solchen Einwohnerausweis besitze, würde in diesem Gebiet verhaftet werden.

Was die Sowjetbehörden heute schon erreicht haben, ist, daß der Kontakt, soweit er noch zwischen den Deutschen hüben und drüben der Zonengrenze bestand, vollständig aufgehört hat. Auch der „kleine Grenzverkehr“ ist stillgelegt. Die Arbeiter – zum Beispiel die der braunschweigischen Kohlenindustrie –, die westwärts der Grenze beschäftigt waren, dürfen nicht mehr zur Arbeit gehen.

Der Eiserne Vorhang ist so dicht wie nur möglich geschlossen. Die Frage ist, warum dies geschah. Daß es die Grenzbewohner der Ostzone sind, die geschädigt werden, daran ist kein Zweifel. Aber wozu? Daß das Mitleid der westlichen Deutschen an der Grenze mit den Nachbarn jenseits des „Bosheitsgrabens“ wächst – es sind ja nicht nur Nachbarn, es sind Verwandte! – ist nur natürlich. Spekulieren die Sowjets darauf, daß dieses Mitleid in Westdeutschland zu einer Kritik, ja Empörung gegenüber der eigenen Regierung in Bonn werden könnte, die zu alledem den Anlaß gegeben habe? Solch verkniffeltes Denken – hätte es Sinn? Andererseits: Wer glaubt, daß die Sowjets an ihre eigenen Tafeln glauben, die sie, weithin sichtbar, soeben in die Erde gerammt haben? Hier der Text: „Wir schützen unsere Republik gegen Agenten, Diversanten, Brandstifter und Saboteure.“ – Frage an einen Mann, der sonst recht eingeweiht war – ist er doch vor acht Tagen noch selbst „Vopo“ gewesen: „Was ist ein Diversant?“ – „Das muß ein Schreibfehler sein ...“ Jan Molitor