Von Hans Doerr

Der Verfasser des folgenden Artikels war deutscher Militärattache in Spanien und dann aktiver Frontgeneral der deutschen Armee im letzten Weltkrieg.

Jahrelang haben unsere Feinde kritisiert, verurteilt und gehenkt. Jahrelang haben die Deutschen selbst über ihre Wehrmacht Vorwürfe und Schuldurteile ausgeschüttet. Die Soldaten mußten schweigen und haben geschwiegen. Und das war gut. Noch nie haben in der Geschichte öffentliche Rechtfertigungen besiegter Soldaten konstruktive Wirkungen gehabt. Wir sehen nach vorwärts aber wir vergessen nicht, was wir an eigenen Erfahrungen – guten und schlechten – mitbringen. Vor uns steht die Europa-Armee. Wenn im einzelnen auch noch nicht klar ist, wie sie aussehen wird, so steht doch eines fest: Sie wird die Grundelemente übernehmen, ohne die seit Alexanders Zeiten keine Armee bestehen kann.

Immer, wenn im Verlaufe nationaler Erschütterungen fortschrittliche und revolutionäre Führer diese Fundamente angriffen, haben sich für die Armeen schwere Schäden ergeben. Der Abgeordnete Carnot empfahl den „vernünftigen Gehorsam als ein Mittelding zwischen Indisziplin und passivem Gehorsam“; der General Carnot stellte wenige Jahre später die rigoroseste Form der Disziplin wieder her. Die heutigen Reformer warnt der amerikanische Oberst Marshall in seinem 1951 erschienenen Buch „Soldaten im Feuer“ mit folgenden Worten: „Eine Armee muß die großen Ideen der Rangordnung bewahren, sonst wird sie nach und nach zur bewaffneten Bande, in der das Stimmengewirr von Babel die eine klare Stimme der Autorität übertönt. Hierüber anders zu denken, bedeutet Einverständnis damit, daß Kommandoentschlüsse einem Schiedsgericht vorgelegt werden und daß Beschwerdekommissionen über die Frage von Zeit und Ort einer Bewegung beraten.“

Beides, Disziplin und der hierarchische Aufbau, gehört zu jenen Grundelementen. Aber gerade gegen sie wird von Zeit zu Zeit heftig Sturm gelaufen; denn für viele sind sie nicht etwa unentbehrliche Elemente einer Armee, sondern gefährliche Stützen des Militarismus.

Militarismus ist das Bestreben des Militärs, durch Anwendung seiner ideellen oder tatsächlichen Macht Einfluß im nichtmilitärischen Bereich der Staatsführung und des öffentlichen Lebens auszuüben. Am Ende solcher Bestrebungen steht die Militärdiktatur. Militarismus ist also Anwendung militärischer Macht, militärischer Grundsätze, Gebräuche und Formen außerhalb der Wehrmacht. Militarismus ist aber auch die Sucht vieler Personen des öffentlichen Dienstes, zwischen sich und dem nichtbeamteten Bürger ein Vorgesetztenverhältnis aufzurichten. Die Vorliebe vieler Menschen in den verschiedensten Ländern für Vereinsbildung, Uniformen, Titel, Orden und Soldatspielen ist kein Militarismus, sondern eine Eigenart, die dieser sich zunutze macht.

Im ersten Falle treten die Soldaten, in den beiden anderen fast immer die Zivilisten als Militaristen auf, und zwar vorwiegend solche, Zivilisten, die einmal Soldat gewesen sind. Die beiden ersten Arten sind die erkennbar gefährlichen; denn sie wirken sich unmittelbar im Leben des Staates und im Zusammenleben mit anderen Nationen aus. Während der Militarismus des kleinen Mannes, der sich im bürgerlichen Leben betätigt, weit weniger evident ist, obgleich gerade er in hohem Maße dem Ruf der deutschen Soldaten geschadet hat.