Bitte eintreten, ohne anzuklopfen! Nur frisch über die Schwelle gestolpert und das Problem beim Kragen gepackt, ehe es ihm gelingt, sich unsichtbar zu machen und durch die geschlossenen Fenster zu entweichen. Anders als durch Überraschung ist der Frage nicht beizukommen, so gebrechlich und scheu ist sie. Es soll nicht gerade von der Liebe die Rede sein, aber doch von dem Zustand, in den wir geraten, wenn wir sie weder zu empfangen noch zu hegen vermögen. Viel Hohn habe ich schon mit der Feststellung geerntet, daß aus der deutschen Literatur das Thema der Liebe verschwunden sei. Einige Leute, die ich nicht gemeint hatte, weil sie gar nicht zur Literatur, sondern nur zu Vereinen gehören, haben geantwortet, daß die Leute heutzutage etwas anderes im Kopf hätten. Etwas anderes schon – immer vorausgesetzt, daß sie überhaupt etwas darin haben –, aber Wichtigeres? Das ist denn doch die Frage. Das Nächstliegende ist durchaus nicht das Bedeutsamste. Man kann die Menschen nicht zu einer Haltung ermutigen, deren sie nicht fähig sind, und der Zustand, den ich zu beklagen die Absicht habe, läßt sich auch durch die Drucklegung von Liebesgeschichten nicht ohne weiteres beheben. Beim Symptom anfangen, um die Krankheit zu heilen, wäre der reine Selbstbetrug, und so mag denn unsere Literatur in Gottes Namen weiter auf den Eros mit jener Herablassung blicken, wie nur echte Unfähigkeit sie aufzubringen vermag.

Je zwangloser und sportlicher das Verhältnis zwischen den Geschlechtern sich gestaltet, um so gründlicher scheint unsere Literatur von Erotik gereinigt. Das verschafft ihr eine öde Traurigkeit, die beweist, daß das Erkalten des Liebessinnes und sein Absinken ins Sexuelle das an sich schon schwierige Menschenleben nicht bereichern. Offenbar ist die Liebe in ihrer herkömmlichen Form – denn sie ist ja wohl nicht dem Fortschritt unterworfen wie etwa das Fernmeldewesen – kein Problem mehr, weder im Guten noch im Bösen. Die Romantik des Liebens mit ihrem ganzen Gefolge von Selbststeigerung und Selbsttäuschung ist so gut wie verschwunden, und der sogenannte Liebeskummer ist zu einer Sehenswürdigkeit geworden, die nur noch in psychosomatischen Lehrbüchern zu finden ist. Alles das wird aufgesogen durch die Leichtigkeit der Beziehungen. Ehe die Spannung sich entfalten und ihre erregende, verwandelnde Wirkung tun kann, ist schon das Kind da, von dessen Vorhandensein dann der soziale Druck auf die Allgemeinheit ausgeht. Die Öffentlichkeit wird aufgerufen, die Bevölkerungsstatistik beginnt zu spielen und die Herzensregüng setzt sich in politische Dynamik um. Das Vertrauen auf das Funktionieren der Sozialpolitik erleichtert manche menschliche Bindung. Das ist recht so, denn Bindungen dieser Art sind nicht nur Herzensunternehmungen, sondern rufen eine Verantwortung auf den Plan, die weit über das Du und Ich hinausgeht. Wenn man nur sicher wäre, daß die Verantwortung auch wirklich immer gefühlt wird! Die Bindung zwischen den Geschlechtern ist stets ein tollkühnes Abenteuer, das sich hart am Abgrund abspielt. Denn was wäre verletzlicher als die Fähigkeit, zu lieben! In welchem Bereich könnte die Seele einen größeren Schaden davontragen, als im erotischen! Aber ich fürchte, wir machen uns darüber unnötige Sorgen, denn am Ende schützen wir eine Empfindlichkeit, die es gar nicht mehr gibt. Auch in erotischen Dingen waltet eine Humanität, die vom übrigen Leben nicht zu trennen ist. Sie beruht auf dem Spannungsverhältnis, ja auf der Befangenheit. Jawohl, Befangenheit ist das entscheidende und wünschenswerte Merkmal. Wir müssen befanden sein, wenn wir uns dem anderen Geschlecht nähern, denn das, was die Frau in der äußersten Intimität zu geben hat, ist ein ebenso verwirrendes wie ehrfurchterweckendes Geheimnis, und der Mann, der dies Geheimnis nicht spürt und achtet, zerstört die Frau und wirkt an der Verödung des Lebens mit, die heute unser Teil ist. O gewiß, diese Leere hat tausend Ursachen, derer wir nicht immer Herr sind. Aber von einem Punkte aus könnte jeder Mensch sie bekämpfen, nämlich dadurch, daß er die Sphäre der Intimität verteidigt.

Aber klingt uns das Wort Intimität nicht schon wie eine Spielart der Anarchie, wie eine unerlaubte Isolierung, wie ein gemeingefährlicher Egoismus? Ist es nicht vielleicht schon eine unsoziale Haltung, wenn man einen Bezirk fordert, in den die Gemeinschaft sich nicht einmischen kann? Man möchte gerne einmal Herrn Ulbrichts Ansicht darüber hören, der dem Westen, zu dem wir ja jetzt zu gehören scheinen, so beredt Rückständigkeit und sogar Sittenverderbnis vorwirft. Da hat der finstere Mann nun wirklich daneben getroffen. Wir wären verderbt? Er tut uns bitter unrecht, fast möchte man sagen: er überschätzt uns. Denn was man auch gegen uns sagen mag, wir sind tugendhaft, weil die Verderbnis, soweit sie erotisch gefärbt ist, einen Mißbrauch voraussetzt. Was aber sollte von uns mißbraucht werden? Die Vorstellung, daß man unsere Welt lasterhaft nennen könnte, ist wahrhaft erheiternd. Denn das Laster ist die Karikatur von Regungen und Begierden, die ihre Berechtigung haben und sogar notwendig sind. Es ist die Verzerrung eines an sich edlen Lebensgefühls, und wo dieses schwindet, hört auch das Laster auf. Lust, Freude, Schönheit oder auch nur Genuß, das alles löst sich in einer wörtlich lieblosen Zeit zu einer Trübseligkeit auf, die wie ein Schatten über unseren Tagen liegt. Nein, an unserer Tugendhaftigkeit ist kein Zweifel erlaubt.

Man hat früher gerne den Krieg als einen Zerrütter der Sitten hingestellt und den moralischen Verfall für eine sichere Begleiterscheinung jeder Nachkriegskrise erklärt. Die Zustände nach 1918 schienen dieser Auffassung recht zu geben. Eine allgemeine Entfesselung trat ein, die bewies, daß noch Kräfte und nicht nur Triebe vorhanden waren. Die Welt trieb es in der Tat recht toll damals. Aber entscheidend war wohl, daß dies Treiben allen Beteiligten eine gewisse Freude bereitete und daß sie daran auf ihre zynische und indiskrete Art Vergnügen hatten. Über eine solche Lockerung haben wir uns heute nicht zu beklagen, weil die Regungen, die mißbraucht werden könnten, verwelkt sind. Wo früher Unordnung war, herrscht jetzt das Nichts, und das Nichts ist immer in Ordnung. Die Zerstörung der großen Städte, die Austreibung ganzer Völkerschichten und die Not bilden den tragischen Hintergrund unserer Sittenstrenge, die nichts Gewolltes hat und keinen Verzicht darstellt. Wir fühlen uns frei von den sittlichen Ausschreitungen, die früher im Gefolge von Zusammenbrüchen auftraten, aber wir entbehren auch die Regungen des gehobenen Lebensgefühls, das aus der Spannung zwischen den Geschlechtern entsteht. Das alles ist so „natürlich“, so zwanglos und sachlich geworden, daß der natürlichste Sinn des Menschen, der Liebessinn, nicht mehr imstande ist, sich zu regen und seine inspirierende Wirkung zu tun. Es ist eine Zwanglosigkeit, die nichts zu bezwingen hat. Liebe, leicht gemacht, – das ist das Verstummen der Liebe.

Es wäre nun unsinnig, die Sittenlosigkeit herbeizuwünschen in der Hoffnung, daß in ihrem Gefolge und durch ihre Überwindung sich auch das natürliche Verhältnis zwischen den Geschlechtern wiederherstelle. Man kann nicht den verzerrten Schatten beschwören, um dadurch die wahre Gestalt zurückzugewinnen. Finden wir uns mit unserer Tugend ab, an der wir kein Verdienst haben. Wir haben kein Recht, uns auf sie etwas zugute zu tun, denn ihre öde Traurigkeit verrät uns nur allzu deutlich, was uns fehlt. Eine französische Zeitschrift hat einmal eine Rundfrage an die Jugend gerichtet, ob ihr die sexuelle Kraßheit in der modernen Literatur recht sei. Recht – oder nicht, sie ist notwendig!“ haben die meisten geantwortet. Es waren wohl Schüler Sartres, der ja die Überzeugung hegt, daß der Mensch zu Liebesgefühlen nicht mehr fähig sei, oder sie sich nur beilege, um durch Selbsttäuschung in seiner bequemen Unfreiheit verharren zu können. Ein anderer Jüngling antwortet: „Die Liebe beschäftigt uns nicht mehr, und das ist vielleicht der Grund dafür, daß wir nur halbjung sind.“ Halbjung, das ist vorsichtig ausgedrückt, denn in Wirklichkeit spricht aus dieser Abwendung von Liebe als einer zentralen Regung eine Vergreisung, die vom Lebensalter unabhängig ist.

Hüten wir uns davor, die sexuellen Roheiten, die uns aus einem Teil der heutigen, besonders der amerikanischen Literatur entgegenschlagen, für eine – wenn auch verzerrte – Erotik zu halten. Uns erscheint es unfaßlich, daß lesende Menschen das unzüchtige Gekreisch eines Henry Miller überhaupt ertragen. Aber wir dürfen glauben, daß es dem unglücklichen Autor selbst keinen Spaß macht. Was er gestalten will, ist vielmehr die völlige Verzweiflung einer Menschenseele über das Erlöschen des Liebesgefühls, das nicht einmal in der kläglich versuchten Ausschweifung sich wieder regen will. Es ist – trotz allem – ein Heimweh nach Liebe, was aus der wahrhaft grausigen Prosa des hochbegabten Amerikaners spricht. Die Freude, die der Liebesgenuß glücklicheren Geschlechtern gewährte, wird von ihm nicht verfemt; er stellt lediglich fest, daß diese Freude und Genußfähigkeit verschwunden sind und mit ihnen der Zauber des intimen Lebens überhaupt. Erinnern wir uns auch an die grausamen Schlußfolgerungen des bekannten Kinsey-Berichtes über „das sexuelle Verhalten des menschlichen Männchens“, der bezeichnenderweise von einem Zoologen abgefaßt ist. Die vielen Kurven und Zahlenkolonnen dieses Berichts beweisen, daß der amerikanische Mann, dieser Inbegriff der Männlichkeit, überhaupt keine Natürlichkeit gegenüber dem Geschlechtlichen kennt, daß seine berühmte „Unbefangenheit“ und der ständig wachsende Fortfall der äußeren Hemmungen und Hindernisse nicht das mindeste für die innere Freiheit gegenüber dem Liebesgenuß bedeuten.

Wir sind tugendhaft, darüber herrscht kein Zweifel, aber wir brauchen darauf nicht stolz zu sein, denn diese Tugend ist kein Sieg, sondern nur ein leer gelassener Bereich. Offenbar ist der einzelne Mensch, nicht mehr stark genug, den inneren Raum zu verteidigen, dessen das Liebesgefühl bedarf, um zu einer Macht zu werden, in der die Persönlichkeit autonom und unangreifbar ist. Mit der unaufhaltsamen Verminderung der persönlichen Freiheit verliert der einzelne auch das Gefühl für die Unantastbarkeit jener Erlebnis, die nur ihm gehören. Was zwischen Mann und Frau vorgeht, bildet die innerste Zelle der menschlichen Gemeinschaft, und keine Macht von außen sollte es wagen dürfen, sie zu bedrohen. Wo aber der Mensch selbst das Feld räumt, weil er – mit anderen Worten – erotisch scheitert, da gibt er den kollektiven Mächten, seien sie nun gut oder böse, eine Chance. Besiegte oder gezähmte Regungen gereichen dem sittlichen Menschen zur Ehre, erloschene Regungen dagegen schaffen den gefährlichen Zustand der negativen Tugendhaftigkeit. Das Laster hat sein Prestige verloren, das ist gut so. Aber auch Robespierre rühmte sich, die Herrschaft des Lasters gebrochen zu haben, die Jakobiner waren schließlich alle „tugendhaft“ und die Feinde des Staates wurden, wenn gar nichts anderes mehr gegen sie vorzubringen war, der „Verderbtheit“ angeklagt, was den Kopf kosten konnte. Auch der Nationalsozialismus rühmte sich, die Reinheit der Sitten, die Würde der Frau und die Heiligkeit der Familie wiederhergestellt zu haben. Daß der Unbestechliche die Dirnen von den Pariser Straßen vertreiben ließ, ist ebenso wahr wie, daß Hitler für die Schließung homosexueller Lokale Sorg trug. „Zu allen Zeiten“, antwortet ein junger Franzose auf die erwähnte Rundfrage, „waren es die Keuschen, die Unbestechlichen, die Impotenten, die das Blut in Strömen fließen ließen.“ In der Tat, nicht Danton, der Genießer und glücklich Verliebte, lebt als Schreckensmann weiter, sondern der arme Robespierre, der nie eine Frau glücklich-gemacht hat. Wie oft war nicht die Sittenstrenge die Haltung einer Zeit, in der der Mensch durch die politischen Begriffs erdrückt und entmachtet wurde!

Die Verstrickung dieser Zusammenhänge kann man freilich nicht dadurch zerreißen, daß man beschließt, nicht länger tugendhaft zu sein. Denn die Haltung, von der hier die Rede ist, stellt ja keinen Triumph über die Leidenschaften dar, sondern entsteht mit dem Sterben der Flamme. Tugend aus Seelenstärke hat mit solcher aus Leere nichts zu tun. Aus dem Versagen des einzelnen Menschen auf seinem empfindlichsten, intimsten Gebiet erhebt sich kein Leben. Nur der Hauch der Freiheit ist imstande, das Flämmchen der Liebe zu beleben. Es ist Sache des Mannes, diesen Luftzug in das Zusammenleben der Geschlechter zu lenken. Auf das Versagen des Mannes gegenüber der Frau ist die geringe Gegenwehr der menschlichen Person gegen ihre Entmachtung deutlicher zurückzuführen als auf die Anschläge eines menschenfeindlichen Staatsgedankens. Die „ewige Pubertät“, die man uns vorgeworfen hat, läßt eine natürliche erotische Harmonie nicht aufkommen. Die Mächte des Instinkts, denen die liebevolle Erlösung in der Umarmung versagt bleibt, feiern ihre furchtbare Auferstehung in den Bezirken „der Gewalt.