In dem Zirkus, den Stalin in Frankreich unterhält, hat Jacques Duclos die Rolle des Clowns übernommen. Als er am Abend des 28. Mai, an dem er die mit langen Stahlknüppeln eines einheitlichen Modells bewaffneten kommunistischen Stoßtrupps gegen die Absperrungen der Pariser Polizei und Republikanischen Garde gelenkt hatte, in seinem schwarzen Hotchkiss verhaftet wurde, fand man in dem Wagen nicht nur einen Ultra-Kurzwellen-Empfänger, mit dem er die Einsatzkommandos der Polizeipräfektur abhörte, sowie einen Gummiknüppel und eine 7,35-mm-Pistole „Walther“ deutschen Fabrikats, sondern auch, in eine Wolldecke eingewickelt, zwei tote, aber noch warme Tauben. Waren es Friedenstauben à la Picasso, die der Propagandist der „Partisanen des Friedens“ gegen den „Pest- und Mikrobengeneral Ridgway“ aufsteigen lassen wollte, gegen dessen Versetzung von der Front des heißen Krieges in Korea an die Front des kalten Krieges in Europa die friedliebende Bevölkerung von Paris mobilisiert werden sollte? Oder waren es gar Meldetauben, die den auf ein Dutzend Punkte der Stadt verteilten Stoßtrupps das Signal zum Angriff geben sollten? Zu beidem waren sie nicht mehr zu gebrauchen, sie schienen in der Decke erstickt zu sein. Vom Untersuchungsrichter über die Verwendung der Vögel befragt, antwortete der kleine dickwanstige Mann mit seinem legendären Grinsen, das seine vielen Goldplomben sehen ließ: „Ich wollte sie braten und mit jungen Erbsen zum Abend essen.“ Brattauben und Gummiknüppel...

Noch eine andere Szene dieses denkwürdigen Tages, an dem die französische Regierung unter dem energischen Pinay sich zum ersten Male nicht an die fanatisierten Jugendlichen und Ausländer, sondern an ihren Führer hielt, ist bezeichnend für die doppelte Rolle, die der Generalsekretär der Kommunistischen Partei Frankreichs zu spielen liebt. Als er nach seinem ersten Verhör den Polizeiwagen bestieg, der ihn ins Gefängnis bringen sollte, hob er seine kurzen Ärmchen zum Himmel, zeigte die Handschellen, mit denen er gefesselt war, und rief den vor dem Justizpalast wartenden Journalisten pathetisch zu: „Da sehen Sie die Demokratie, meine Herren, bewundern Sie sie!“ Als er jedoch im Gefängnis angekommen war und die Polizisten ihm die Handschellen wieder abnahmen, rieb er sich schmunzelnd die fetten Händchen, wie er es auf der Kammertribüne zu tun pflegte, wenn er die Regierung mit einer seiner geschickten Interventionen in Verlegenheit gebracht hatte, stieg die Freitreppe hinauf und nahm höflich den Hut ab, bevor er das Gefängnisgebäude betrat. Ein Muster kleinbürgerlicher Wohlanständigkeit.

In seinem Äußeren hat Duclos nichts von einem revolutionären Arbeiterführer, im Gegensatz zu seinem Vorgänger an der Spitze der Partei, dem früheren Kumpel Maurice Thorez, der am 11. November 1950 von einer sowjetischen C-47 auf die Krim gebracht wurde, um seinen Schlaganfall auszuheilen. Noch weniger gleicht er seinem Nachfolger, André Marty, dem man trotz seiner Sechsundsechzig Jahre noch immer den Aufrührer der französischen Schwarzmeer-Flotte von 1917 und den „Schlächter von Albacete“ aus den? spanischen Bürgerkrieg ansieht. Duclos ist weder ein „Sohn des Volkes“, noch ein Berufsrevolutionär. Er gehört nicht zu den „Harten“ im Generalstab der Kommunistischen Partei Frankreichs, sondern zu den „Aktentaschenträgern“, wie die Abgeordneten von den radikalen Mitgliedern des Zentralkomitees gern genannt werden. Sein Platz ist nicht das gefährliche Pariser Pflaster, sondern der „Saal der verlorenen Schritte“, das Foyer der Kammer, in dem er die vulgäre Liebenswürdigkeit eines Gastwirts mit konziliantem Händedrücken nach links und rechts entfalten kann. Von Haus aus ist er Zuckerbäcker und ist als solcher in die politische Karikatur eingegangen, aber er übertrifft in seinem Aussehen und in seinem Gehabe seine Karikatur an Bonhommie und spießiger Selbstzufriedenheit. Er steigert die unbeschreibliche Gewöhnlichkeit seiner Erscheinung noch dadurch, daß er zweideutige commis-voyageur-Witze zu erzählen liebt.

So sehr Duclos aber auch die Maske der Mittelmäßigkeit kultiviert, die durchtriebene Schläue seiner hinter der dicken Hornbrille versteckten Äuglein läßt sich nicht verbergen. Zwar ist alles fett und gemütlich an ihm, einschließlich der runden Gesten, die er aus seiner südlichen Heimat, einem Pyrenäendorf, mit nach Paris gebracht hat. Aber die überspitze Nase verrät die scharfsinnige Witterung für Intrige und Komplott. In Wirklichkeit ist der verbindliche, stets gut gelaunte und korrekt gekleidete, harmlos erscheinende Stehkragenproletarier jederzeit bereit, seine Freunde zu verraten, seine Überzeugungen zu opfern, seinen Idalen abzuschwören, wenn dies die wechselnde Strategie Moskaus und des Kominform erfordert. Die Widersprüche der stalinistischen Doktrin haben die brillante Unverschämtheit des wenigen parlamentarischen Routiniers und glänzenden Rhetorikers nie in Verlegenheit gebracht. Die Politik der Volksfrort 1936, das deutsch-sowjetische Bündnis 1939, die Widerstandsbewegung 1941 haben ihn stets auf der Höhe der Situation gefunden. Mit absoluter Schamlosigkeit hat er verbrannt, was er angebetet hatte, wenn Moskau es befahl, hat abwechselnd die rote Fahne oder die Trikolore geschwenkt, die Internationale oder die Marseillaise gesungen, die Armee verherrlicht oder mit Kot beworfen, die Kollaboration oder den Widerstand gepredigt, den Krieg oder den Frieden propagiert und immer die sozialen Forderungen der französischen Arbeiterschaft den nationalen Interessen seines bolschewistischen Vaterlandes untergeordnet.

In dem Augenblick aber, in dem die Kommunistische Partei Frankreichs auf höheren Befehl zur „direkten Aktion“ übergeht, versagt Duclos. Er läßt sich von der Polizei schnappen. Lärmende Straßenkämpfe sind nicht seine Sache. Der geschickte Politiker zieht die gedämpfte Atmosphäre der Wandelgänge im Palais Bourbon vor, in denen zivile Umgangsformen herrschen, oder die verschwiegenen mit Stahltüren gesicherten Keller des sechsstöckigen Hauptquartiers der Partei in der Rue de Chateaudun, von wo er im Auftrage Moskaus die Filialen der Dritten Internationale in Frankreich, der Schweiz, England und den Vereinigten Staaten kontrolliert. Vielleicht ist der bühnenreife Intrigant nun selbst einer Intrige zum Opfer gefallen. Am Mittwoch wurde er in flagranti ertappt. Am Abend vorher hatte Auguste Lecoeur, der Lieblingsschüler von Thorez und wie dieser ein früherer Kumpel aus dem Norden, im Zentralkomitee gesprochen und die Führer aufgefordert, bei der morgigen Kundgebung diesmal dabei zu sein „auf die Gefahr hin, sich verhaften zu lassen“. Am Tage darauf ließ sich kein Mitglied des kommunistischen Generalstabs in der Nationalversammlung blicken. Ein Parteiredner zweiten Ranges protestierte zwar gegen die Verhaftung des Generalsekretärs und Fraktionsvorsitzenden, stellte aber nicht einmal den Antrag auf seine Freilassung. Der zuckerkranke, sechsundfünfzigjährige Duclos, der sich in der Maske des Biedermanns so populär gemacht hat, gäbe keinen schlechten Märtyrer für die Partei ab. An ihrer Spitze aber ist der Zyniker überflüssig geworden. Wenn es gilt, die illegalen Kaders zur „konkreten Aktion“ einzusetzen, braucht man keinen politischen Taktiker, sondern einer Bürgerkriegsstrategen. Der Veteran der Revolution André Marty mit seiner Gefolgschaft der Jüngeren ist jetzt der rechte Mann am Platze.

Paul Bourdin