Inoffizielle Besprechungen hatten kürzlich die Empfehlung ergeben, daß man den handelsvertraglich „gebundenen“ Warenaustausch zwischen Brasilien und der Bundesrepublik von bisher 115 Mill. $ auf 150 Mill. $ (jährlich in jeder Richtung) aufstocken sollte, da beide Länder lieferfähig und lieferwillig sind. Noch war aber darüber nichts zu Papier gebracht, als man feststellen mußte, daß noch nicht einmal die 115 Mill. $ realisiert werden. Zwar liefert Deutschland im vorgesehenen Umfang: es nimmt aber nicht entsprechend ab. Es hat folglich einen Aktivsaldo im Verrechnungsverkehr, der stetig (auf nunmehr 47 Mill. $) angewachsen ist. Damit ist, alle Saisonunterschiede im Geben und Nehmen eingerechnet, der vorgesehene Pufferbetrag ausgenutzt. Brasilien müßte demnach seine Schulden in freien Dollars abdecken. Aber Dollars sind in Rio knapp. Man bedenke nur, daß noch 1949 der brasilianischen Zentralbank 6,3 Mrd. Cruzeiros in Devisen zur Verfügung standen. Zum Febfuar-Ultimo dieses Jahres aber waren es nur noch ganze 63 Mill. Cruzeiros...

So bleibt nur die Wahl, daß entweder Deutschland mehr von Brasilien kauft, oder Rio keine deutschen Waren mehr hineinläßt. Brasilien ist den zweiten Weg gegangen. Es hat auf die Bremse getreten: Seit 19. Mai besteht ein definitiver Lizenzstopp für deutsche Waren.

Es heißt nun, die brasilianische Währung sei „falsch manipuliert“ und folglich seien die Preise, über den Dollar gerechnet, zu hoch... Doch das hat man vorher gewußt. Weiter heißt es, interne südamerikanische Sorgen ließen Mais, Häute und Felle als Exportprodukte nach Europa fast völlig ausfallen; zudem blieben die argentinischen Weizenlieferungen aus. Brasilien müsse daher seine knappen Dollars zu Getreide-Einkäufen in den USA verwenden. Gut und richtig – doch auch das bahnte sich schon seit Monaten an; „neu“ ist daher auch diese Kunde nicht. Man hätte also rechtzeitig in Deutschland ausschreiben sollen, um sich beizeiten seinen Lieferanteil zu sichern, und um so seine Exportchancen zu wahren. Jetzt endich wurde ausgeschrieben. Die Fachleute aber sagen: Ausschreibungen in gängigen Weltmarktartikeln für das relativ teure Brasilien bei fallenden Preisen ringsum seien nichts als eine Geste. Wer kaufe denn jetzt? Nun heißt es auf deutscher Seite man wolle. Kompensationsgeschäfte – was natürlich Kompensationspreise voraussetzt. Da schwankt doch der Kurs in der Handelspolitik allzusehr: denn erst kürzlich hatte man ja Kompensationsgeschäfte verdammt. Und jetzt sind sie wieder der Weisheit letzter Schluß? Außerdem werden dadurch die brasilianischen Preise nicht „echter“; sie werden nur starrer.

Man wird anders verfahren müssen. Wer mit einem Kaffeeland wie Brasilien einen Vertrag schließt, mit dem Ziel, Lieferungen und Bezüge auf hohem Niveau auszugleichen, muß das abnehmen, was das Land zu bieten hat: Kaffee eben. Aber wir nehmen Kaffee nicht in genügendem Umfang ab: nicht, weil die Ware Kaffee „an sich“ zu teuer wäre, sondern weil exorbitant hohe Steuern auf diesem Produkt liegen. Die Folge ist, daß der Bundesfinanzminister zwar hohe Steuereinnahmen aus Kaffee registrieren kann, der Kaffeeverbrauch aber (gegenüber der Vorkriegszeit) auf einen Bruchteil zusammengeschrumpft ist: 1951 sind 878 g je Kopf legal abgesetzt worden, gegen durchschnittlich 3 kg früher. Die Bindungen aus OEEC- und Handelsverträgen für 1952 aber belaufen sich auf rund 1400 g je Kopf. Man hat also Mengen akzeptiert, die bei den gegenwärtigen Preisen weit über der Kaufkraft liegen.

Kaufkraft ist natürlich keine absolute Größe. Rund 1100 g Verbrauch werden wohl 1952 in der Bundesrepublik erreicht werden, weil (trotz aller Spannendiskussionen ...) die Verbraucherpreise in Konsumkaffee allmählich, aber stetig sinken. Hier regiert wieder der Käufermarkt: Mußte die Hausfrau 1951 noch etwa 18 DM für ein Pfund Kaffee über den Ladentisch reichen, so kostet Kaffee gleicher Qualität heute rund 16 DM. Mit zunehmender Marktsättigung mag der Preis auch noch auf 15 DM heruntergehen. Darunter wird kein Angebot möglich sein, wenn nicht die Kaffeesteuer gesenkt wird.

Es ist verständlich, wenn der Bundesfinanzminister sich scheut, das Thema anzupacken. Er braucht eine feste Kalkulationsgrundlage für seine Einnahmen; seine Ausgaben sind zu starr und zu drängend, als daß er „spekulieren“ dürfte. Das hat er der brasilianischen Delegation, die kürzlich in Bonn weilte, auch deutlich zu verstehen gegeben ... (wobei er es leider verabsäumte, die Herren der Delegation zu begrüßen).

Doch sollte man sich in Bonn am Beispiel Brasilien einmal ausrechnen, welche Steuerverluste aus unterbliebenen Exporten entstehen, nur, weil der Kaffee zu hoch besteuert wird. Die Parallele zur Zigarette ist zu offenkundig, als daß sie nicht gezögen werden müßte. Hier soll ja jetzt die Steuer gesenkt werden, weil sich Handelspolitik und Fiskalpolitik einfach nicht trennen lassen.