Auf Nordrhein-Westfalen entfallen mehr als 50 v. H. aller Exporte aus der Bundesrepublik. Steinkohlenbergbau und eisenschaffende Industrie bilden die Grundlage für diese Leistung und den Ausgangspunkt für die verschiedensten in der Ausfuhr tätigen Verarbeitungsindustrien.

Im Herzen dieses hochindustrialisierten Kräftefeldes liegt Essen, das nach wie vor hervorragend an den Ausfuhrerfolgen des Landes Nordrhein-Westfalen beteiligt ist, sowohl auf dem Gebiete der Exportproduktion als auch auf dem des Ausfuhrhandels und des Exportes von Dienstleistungen. Die Bedeutung des Ausfuhrhandels und der unsichtbaren Ausfuhr in Form von Dienstleistungen muß besonders unterstrichen werden, da diese meist bei strukturanalytischen Betrachtungen infolge ihrer schwierigen statistischen Erfaßbarkeit stiefmütterlich behandelt werden.

Kohle und Eisen geben auch heute noch der Essener Außenwirtschaft trotz Demontage und Strukturwandel das entscheidende Gepräge. Essen ist der traditionelle Sitz der Gemeinschaftsorganisationen des Bergbaues. Bis zum 1. Juli 1950 trat der Deutsche Kohlenverkauf, die Nachfolgeorganisation des Rheinisch-Westfälischen Kohlensyndikats, als alleiniger Kohlenexporteur für den gesamten Steinkohlenbergbau des Bundesgebietes auf. Inzwischen ist auch wieder der Kohlenexporthandel zur Ausfuhr zugelassen, dessen Schwerpunkt vor allem in Essen liegt. Mehr als 90 v. H. der Ruhrkohlenausfuhr werden entweder unmittelbar vom Deutschen Kohlenverkauf oder von Kohlenhandelsgesellschaften getätigt, die in Essen ansässig sind.

Auch die sich auf der Kohle aufbauende Energiewirtschaft darf bei Betrachtung der außenwirtschaftlichen Verflechtung der Ruhrmetropole nicht vergessen werden. So ist die 1926 als Gemeinschaftsunternehmen der Ruhrzechen gegründete Ruhrgas AG., Essen, am Ferngasexport der Bundesrepublik maßgeblich beteiligt, während die Rheinisch-Westfälisches Elektrizitätswerk AG (RWE), Essen, eines der größten Unternehmen der Elektrizitätswirtschaft Europas, mit den Nachbarstaaten (z. B. Holland, Belgien, Frankreich, Schweiz, Österreich) durch leistungsfähige Hochspannungsleitungen verbunden ist.

Auf dem Gebiet der Eisen- und Stahlgewinnung ist der Essener Exportwirtschaft durch die Demontage der Kruppschen Gußstahlfabrik eine Lücke entstanden, die nicht so bald, auch nicht durch die Absiedlung neuer Industrien, geschlossen werden kann. Wenn Essen trotzdem in der Ausfuhr von Roheisen, Walzeisen und Halbzeug nach wie vor einen hervorragenden Platz einnimmt, so verdankt es dies der Tätigkeit seines Ausfuhr handelt, dessen weltumspannende Organisation den Namen Essen bis nach Übersee trägt.

Trotz Wegfall der örtlichen Eisen- und Stahlbasis spielt für den Essener Export die eisen- und metallverarbeitende Industrie weiterhin eine ausschlaggebende Rolle, vor allem der Stahl- und Eisenbau, der Maschinenbau, der Fahrzeugbau sowie die Elektrotechnik. Als einer für viele sei hier der Name Fried. Krupp, Lokomotivfabrik, genannt; dieses Unternehmen liefert bereits seit einiger Zeit wieder in erheblichem Umfange Lokomotiven und sonstiges rollendes Material ins Ausland. Besondere Bedeutung für Essen besitzt der Export von Maschinen und Apparaten für den Bergbau, die in diebergbautreibenden Nachbarländer sowie nach Übersee geliefert werden.

Ein für die Essener Außenwirtschaft charakteristischer Gewerbezweig ist die Bauindustrie im weitesten Sinne. Hoch- und Tiefbau, Damm- und Talsperrenbau, Brückenbau, Straßenbau sowie der Bau von Anlagen zur Veredelung von Brennstoffen (Kokereien usw.) sind typische Essener „Exportartikel“. Hinzu kommen die mit dem Bergbau verbundenen Zweige des Bauwesens, wie der Gruben-, Schacht- und Streckenausbau. Hier handelt es sich in erster Linie um die bereits oben erwähnte Ausfuhr von Dienstleistungen, d. h. Patente, Pläne und Konstruktionszeichnungen werden von den heimischen Firmen den ausländischen Auftraggebern zur Verfügung gestellt, desgleichen Baumeister, Ingenieure und Monteure, um die Bauarbeiten an Ort und Stelle zu leiten, während die Lieferung von Materialien und Maschinen vielfach nur eine untergeordnete Rolle spielt. Millionenobjekte in aller Welt sind auf diese Weise in den letzten Jahren von Essener Firmen in Angriff genommen worden, so z. B. Abraum von Kohlenfeldern in Australien, Erstellung einer Brücke über den Nil in Ägypten, Bau von Kokereien in Mexiko u. a. m. Diese sogenannten „unsichtbaren Ausfuhren“ tragen ihren Namen zu Recht, denn sie werden, von den Materiallieferungen abgesehen, in keiner Exportstatistik ausgewiesen.

Auch auf dem Gebiete der Chemie (chemisch-technische und chemisch-metallurgische Erzeugnisse, Kunstharzpreßteile) genießen Essener Firmen Weltruf. Das gleiche gilt für die Glasindustrie, die holzverarbeitende Industrie (Holzleisten) sowie für die Textilindustrie (Wollstoffe, Seiden- und Kunstseidenstoffe). Dr. Kurt Herbig