Christlicher Realismus, so nennt sich das erste Heft der von der Ost-CDU ins Leben gerufenen Schriftenreihe für das Zwölfmonatefern-Studium der Parteischule „Otto Nuschke“. In raffinierter Weise werden hier echte christliche Anliegen mit den Erfordernissen der kommunistischen Partei-Taktik in eine Zwangsehe gepreßt. Im Gewande der Wissenschaft wird die Legalisierung des Terrorregimes in der DDR vollzogen. Das Heftchen, das nur den Nuschke-Jüngern in die Hand gedrückt wird, zeigt die erstaunliche Sinnesverwirrung, in die die „Elite“ der Ost-CDU geraten ist.

Schon aus der Einleitung wird ersichtlich, wie weit der Verrat am Christentum gediehen ist. Da lehnt die CDU als schädliche These die „Irrlehre von der Verteidigung des christlichen Abendlandes“ ab. „Dieser Begriff stammt aus der Zeit der Türkenkriege, in der das Morgenland eine reale Gefahr und stete Bedrohung für das christliche Europa war. Heute ist eine solche Bedrohung nicht vorhanden ...“ Mit dieser Feststellung ist der Weg gewiesen, der nun mitten hinein in den Dschungel von Halbwahrheiten, Vollügen, Entstellungen, irrigen Voraussetzungen und gewaltsamen Schlüssen führt-

In den verzwickten Erläuterungen zum Kapital „Beurteilung des Menschen“ “heißtes: „Der Herrschaftsanspruch einer führenden Schicht ist so lange berechtigt, als er auf Grund der zeitbedingten Voraussetzungen die bestmögliche Lösung im Interesse des Gemeinwohls darstellt. Sobald dieser Herrschaftsanspruch mit dem Gemeinwohl in Konflikt gerät, entsteht ein gesellschaftlicher Notstand, der das moralische Recht zum Widerstand und zur gewaltsamen Umwälzung, zur Revolution, begründet.“ Das klingt wie 1789 und ist doch nur eine rein akademische Phrase.

These Nr. 7 handelt von der christlichen Verantwortung: „Das erste Wort, mit dem Christus sein öffentliches Auftreten beginnt, lautet ‚metanoeite – ändert euren Sinn! (Mt. 4, 17). Sinnesänderung, Bewußtseinsänderung ist die Voraussetzung für eine Erneuerung der Welt. Christus stellt den Menschen als verantwortliche Person Gott gegenüber. Diese Verantwortung ist nicht nur eine Sache der Innerlichkeit, sondern der Öffentlichkeit. Denn Gott ist nicht nur ein Herr der Herzen, sondern der gesamten Schöpfung. Verantwortung heißt Gott Antwort geben, und zwar mit seinem Leben und Handeln, daß man Gottes Willen ernst nimmt. Nicht fromme Beteuerungen, sondern die tätige Bejahung des Willens Gottes machen das Verantwortungsbewußtsein der Christen aus.“

These Nr. 8 gilt der „Würde der Arbeit“: „Die Pflicht zur Arbeit ist eine unausweichliche Forderung... Für Jesus, der von Jugend auf als Zimmermann hart gearbeitet hat, für seine Jünger, die als Fischer ihr Brot schwer verdienten, ist diese Bejahung der Arbeit selbstverständlich...“ Jesus als der erste Werktätige! Man ist ängstlich bemüht, den proletarischen Gehalt der christlichen Lehre zu betonen. Die Pflicht zur Arbeit, das heißt im echten DDR-Sinn: Die Pflicht für die Sowjets zu fronen und Uran zu schürfen. Nichts steht hier vom Sinn der Arbeit, ohne den sie zur mechanistischen Robotertätigkeit wird.

„Das Gesetz Gottes als Maßstab der irdischen Gesetze: das ist die Grundlage der Freiheit des Christenmenschen.“ So zu lesen im Kapitel 11 „Die revolutionierende Kraft des Christentums“. Und was ist mit dem „Friedensschutzgesetz“ und dem „Gesetz zum Schutze des innerdeutschen Handels“? Wie harmonieren die KZs, die Terrorjustiz, die absolutistische Willkür mit dem Gesetz Gottes? Wie können sich Christen an diesen Dingen bequem vorbeischweigen?

Die Stellungnahme der Ost-CDU zu wirtschaftlichen Fragen deckt sich mit der ökonomischen Analyse von Marx. „Die tatsächliche Entwicklung hat die Richtigkeit dieser Analyse (eben der Marxschen) bestätigt./Die Krisen, die zum ersten und zweiten Weltkrieg geführt haben, sind uns in ihrem Charakter ebenso deutlich wie die Bedeutung der beiden Weltkriege als Katastrophen des kapitalistischen Systems in Europa. Wer nicht willens ist, eine dritte Katastrophe zu erleben, muß sich dahin entscheiden, daß die Quelle dieser Krisen und Katastrophen verstopft, also die kapitalistische Wirtschaftsweise überwunden wird.“