Eine der Grenzen der Kreditpolitik ist die Tatsache, daß der Kapitalmarkt nicht funktioniert“, sagte der Präsident des Zentralbankrats der BdL, Karl Bernard, vor einem sachverständigen Hörerkreis auf der zweiten Kreditpolitischen Tagung der „Zeitschrift für das gesamte Kreditwesen“ am 27. Mai in Frankfurt. Die jüngsten Bemühungen im Bundesfinanzministerium, den „steuergesetzlichen Drahtverhau“ zu beseitigen, nährten die Hoffnung, „daß nun endlich für den heimischen Kapitalmarkt etwas geschieht und doktrinäres weltanschauliches Denken sich nicht durchsetzt.“ Diese Bemerkungen gingen keineswegs am Tagungsthema („Die internationalen Kapitalmärkte zwischen Bindung und Freiheit“) vorbei. Denn: „Wenn der inländische Kapitalist kein Vertrauen erkennen läßt, ist nicht zu erwarten, daß der ausländische es tut.“

Weit ausholend, skizzierte Bernard die Entwicklung von dem harmonischen System des internationalen Kapitalverkehrs zwischen Überschuß- und Bedarfsländern vor 1914 – als die durch den Goldstandard garantierte allseitige Konvertibilität der Währungen noch als Selbstverständlichkeit empfunden wurde und den Schuldnern die Gläubigerländer als Absatzgebiete offenstanden – über die Perioden bilateralen Denkens bis zur betrüblichen Gegenwart überhöhter politischer und ökonomischer Risiken, öffentlicher Finanzhilfe subsidienartigen Charakters an Stelle überwiegend privater Transaktionen nach kommerziellen Grundsätzen, fehlender Konvertibilität, nachteiliger Schutzzollpolitik der Gläubiger. Niemand vergißt die wichtige Rolle der 30 Mrd. 35, die die USA zwischen 1946 und 1950 (18 Mrd. von vornherein à fonds perdu) gaben; aber „das kann nicht ad infinitum so weitergehen.“

Unverrückbares Ziel beibt die Konvertibilität. „Sie ist nicht erreichbar, bevor nicht weiteres Kapital nach Deutschland geflossen ist.“ Dazu sei eine nennenswerte Ausfuhrsteigerung nötig; etwa hereinströmendes Kapital müsse man zur Stärkung der Exportkraft verwenden. „Ein organischer Weg des künftigen internationalen Kapitalverkehrs wird im Punkt-4-Programm aufgezeigt“, erklärte Bernard. Die europäischen Industrieländer könnten durch Belieferung der unterentwickelten Gebiete mit der erforderlichen Kapitalausrüstung sehr vorteilhaft daran partizipieren. Nun – man wird sich wohl tatsächlich damit abzufinden haben, daß Kapitalien zunächst noch durch internationale Finanzorganisationen (Weltbank) gelenkt werden, weil diese sich besser gegen Risiken abzuschirmen vermögen als private Geldgeber, deren Investitionsneigung in Europa nicht überbewertet werden darf.

Könnte eine Transfergarantie uns helfen? Kaum. Denn die Transfer fähigkeit hängt von der gesamten innerwirtschaftlichen Situation und der Weltkonjunktur ab, durch Dokumente kann man sie nicht schaffen. „Eine solche Garantie wäre höchstens ein moralisch verbindliches Versprechen, bei der Behandlung dieser Frage eine Priorität einzuräumen.“ Und der von Prof. Erhard so energisch geforderte Abbau der Devisenzwangswirtschaft? Der Redner plädierte für ständige Prüfung aller Möglichkeiten einer Lockerung und lobte den ministeriellen Mut. Mit der Einschränkung: „Die Grenzen sind da zu ziehen, wo der Mut anfängt, Leichtsinn zu werden.“ Soweit der Präsident des Zentralbankrats. Dr. A. Schaefer, Generaldirektor der Schweizerischen Bankgesellschaft (Zürich) ergänzte: „Devisenzwangswirtschaft und Zwangswirtschaft im Innern bedingen einander. Wer die zweite nicht will, muß die erste abschaffen.“ Denn sie stehe im Widerspruch zu der als erstem Schritt zur Wirtschaftsfreiheit gedachten Liberalisierung. Seine sonstigen Forderungen: Wiederherstellung gesunder Währungen, Zurückführung des Geldumlaufs auf das unerläßliche Maß, Konvertibilität, Verzicht der USA auf Importerschwernisse. Von einer internationalen Investmentbank hält er nicht viel. „Sie könnte leicht ein Instrument in den Händen der Planer, im übrigen auch nicht allen Ansprüchen gerecht werden.“ Gewisse Garantien für Kapitalgeber seien erwünscht; lediglich das kommerzielle Risiko müsse getragen werden. Beherzigenswert für bestimmte deutsche Kreise ist die Mahnung, ausländische Kapitalinvestitionen nicht zu diskriminieren (etwa: „ausbeuterische Beteiligungen“ und ähnliche Hyper-Nationalismen).

Schaefers Credo: „Alle kurzfristigen Lösungen (ERP, EZU) dürfen nur eine Etappe sein zu einer freien Welt-Marktwirtschaft.“ Man möge erwägen, Europa Gold (statt Dollar) zur Verfügung zu stellen zum Ausgleich der Schwankungen der Devisenkurse und zur Kräftigung der Währungen. Vielleicht wäre ein solches Verfahren für die USA billiger als das bisherige ...

„Wenn wir gezwungen sind, weiter zu planen, dann bin ich bezüglich der internationalen Kapitalmärkte sehr pessimistisch“, bekannte Sir Theodore E. Gregory, britisches Mitglied des Währungskomitees der Banque de Grèce (Athen). Er glaubt, daß „das Problem mehr politischer als wirtschaftlicher Natur ist“, und daß „die größte Schwierigkeit nicht von den Zahlungsbilanzen herrührt, sondern von der Inflation“. Daß der freie Kapitalmarkt bei einer Inflationspolitik unmöglich sei, verstehe sich von selbst. „Look of the inflation and the balance of payments will regulate itself.“

Für die Wiederherstellung einer größeren Freizügigkeit schlug er, die Bilanz seiner detaillierten Betrachtungen ziehend, vor: Bereinigung der bestehenden ungeregelten Schuldnerpositionen; gesundes Verhältnis zwischen Inlandspreisniveau und Devisenkurs; Abschaffung der Devisenkontrollen; Freigabe des Kapitalzinses; Anpassung der Bedingungen für internationale Anleihen an die „wirkliche Höhe des darin liegenden Risikos“; Negation eines „moralischen Rechtes, Anleihen bedingungslos zu verlangen“; beweglichere Anleihekonditionen, „um das Risiko der Säumnis von Schuldnern bei einer wesentlichen Veränderung des Weltmarkt-Preisniveaus zu vermeiden“.