Von Ernst Krüger

In Amerika laufen die Vorbereitungen für die Präsidentschaftswahl bereits heute auf hohen Touren. Begleitmusik zu den Reden der Präsidentschaftskandidaten sind seit Anfang des Jahres die Finanzskandale, deren Untersuchung immer noch nicht abgeschlossen ist. Seit dem Frühjahr kann man in den amerikanischen Zeitungen regelmäßig eine Spalte lesen, die mit dem Schlagwort „Korruptionsfront“ gekennzeichnet ist. Die Republikanische Partei hat als Punkt Eins auf ihr Programm den Kampf gegen die Korruption gesetzt. Die Demokratische Partei, die seit 20 Jahren die Regierung stellt, hat noch niemals in ihrer Geschichte ein derartiges Trommelfeuer aushalten müssen, da die Republikaner die Demokraten für die Alleinschuldigen an den Skandalaffären erklären, die heute die Gemüter der amerikanischen Öffentlichkeit erregen. Allerdings ist Senator Kefauver, der neben den Republikanern Eisenhower und Taft als aussichtsreicher Kandidat genannt wird, Demokrat Und er ist es, der die strengste Untersuchung verlangt und durchgesetzt hat.

Es ist eine alte Tradition der Republikanischen Partei in Amerika, alljährlich den Geburtstag von Abraham Lincoln in allen Staaten der USA festlich zu begehen. So hatten sich auch am 12. Februar dieses Jahres in New York im „Waldorf Astoria Hotel“ mehrere hundert Delegierte der Republikanischen Partei unter Führung des Gouverneurs des Staates Maryland, Theodore R. McKeldin, zu einem Gedächtnismahl versammelt. In seiner Ansprache sprach der Gouverneur aber nicht nur von Abraham Lincoln, sondern er gab auch einen Überblick über die Skandale in der Truman-Regierung, wobei er besonders das Geschäftsgebaren der bundesstaatlichen Wiederaufbaubank „Reconstruction Finance Corporation“ (RFC) angriff. Er beschuldigte sie folgendermaßen: „Hier sind staatliche Gelder nicht nur leichtsinnig nach der Daumenregel, sondern auch nach der Regel der juckenden Handfläche gegeben worden, wobei die Burschen, die die Hintertür zu den staatlichen Anleihen öffnen, ihren Anteil erhalten haben.“ McKeldin wies auf die am 4. November stattfindenden Wahlen hin und schloß seine Rede mit folgenden Worten: „Dies ist das letzte Jahr der Nerz-Dynastie in Washington. Die plündernden Potentaten von Potomak und die feigen Schmarotzer der Palastgarde machen ihre letzte Rundfahrt auf ihrem Privilegien- und Bereicherungskarussell.“

Was mit der „Nerz-Dynastie“ gemeint ist, weiß inzwischen jedes amerikanische Kind. „Nerz-Dynastie“ – ein Schlagwort der augenblicklichen Wahlkämpfe. Sogar General Eisenhower scheute sich nicht, in seiner ersten Rede nach seiner Rückkehr in die Vereinigten Staaten zu sagen: „Wenn eine politische Partei zu lange an der Macht bleibt, sind unrechtmäßige Bereicherung und Unzulänglichkeiten selbst in hohen Regierungsämtern eine fast unausbleibliche Folge. Das gilt ganz offensichtlich für die heutigen Zustände.“ Den Pelzmantel aber, der sozusagen das Symbol für die „unrechtmäßige Bereicherung“ wurde, diesen Nerz-Mantel hat Frau Young erhalten, die ihres Zeichens Sekretärin im „Weißen Haus“ war und ihrem Familienstand nach die Gattin eines früheren Angestellten in der staatlichen Wiederaufbaubank ist. Da diese Bank einer der Mittelpunkte der Skandale ist, welche die Regierungspartei stark belasten, müssen die Zusammenhänge kurz geschildert werden.