Die sogenannten Kriegsverbrecher bleiben nach Artikel 6 des Überleitungsgesetzes im Gewahrsam der Alliierten. Sie gehen nicht, wie es zunächst schien, in den Gewahrsam der Bundesrepublik über. In diesem Artikel heißt es, die Alliierten würden ihre Rechte in bezug auf Gewahrsam und Vollstreckung der Strafen weiter ausüben, „bis die Bundesrepublik in der Lage ist, den Gewahrsam dieser Personen zu übernehmen“. Sobald dies der Fall sein wird, ist die Bundesrepublik laut Punkt 5 des Artikels verpflichtet, die „Kriegsverbrecher“ unter denselben Bedingungen in Haft zu halten, wie sie zur Zeit der Übergabe in deutschen Gewahrsam gelten werden. Der scheinbare Widerspruch, der zwischen diesen beiden Bestimmungen besteht, klärt sich folgendermaßen auf: Von den in alliiertem Gewahrsam befindlichen „Kriegsverbrechern“ ist ein großer Teil nach deutscher Auffassung unschuldig oder zu schwer bestraft worden. Alle diese Fälle sollen durch einen „Gemischten Ausschuß“ überprüft werden, der zwar nicht die Gültigkeit der Urteile in Frage stellen, aber Empfehlungen, in bezug auf Straferlaß oder Straferleichterungen aussprechen darf. Nun wird auch nach dieser Überprüfungsaktion des „Gemischten Ausschusses“ ein Teil der Verhafteten, die einwandfrei Verbrechen begangen haben, zu einem restlichen Strafvollzug übrigbleiben, und diese Personen wird dann die Bundesrepublik in ihren Gewahrsam übernehmen. Das ist der Sinn der Formulierung „bis die Bundesrepublik in der Lage ist“ (gemeint ist: moralisch in der Lage ist), den Gewahrsam zu übernehmen. st.