Rückblick auf eine große Kulturdemonstration

Von Walter Abendroth

Paris, Anfang Juni

Als vor zwei Jahren der „Kongreß für dieFreiheit der Kultur“ in Berlin seine erste Tagung abhielt, hatte diese noch mehr den Charakter eines Aufrufs, eines ersten Signals zum Widerstand gegen die allgemeine Bedrohung unserer geistigen Güter am Orte der politischen Front. Die Pariser Wochen, die eine Elite des westlichen Geisteslebens in der französischen Hauptstadt versammelte^, boten im Vergleich dazu mehr das Bild einer eindrucksvollen Manifestation der Kräfte und Werte, um die es geht, des Reichtums, den es zu erhalten und zu verteidigen gilt. Und die ungeheuer lebhafte Teilnahme nicht nur der europäischen, amerikanischen und asiatischen Gäste, sondern auch aller Kreise der Bevölkerung war eine ununterbrochene Kette von Beweisen dafür, daß es sich dabei nicht um verlorene Traditionen, zerbröckelnde Besitztümer oder fragwürdige Spekulationen handelte, sondern um Wirklichkeiten, für die einzustehen sich immer noch lohnt und noch lange lohnen wird. Mit diesem Gefühl, das man vielleicht nicht einmal zu erwarten gewagt hatte, schied man von den Veranstaltungen des Kongresses, den Vorträgen, Debatten, Diskussionen, Ausstellungen, Konzerten und Theateraufführungen.

Der Titel der künstlerischen Darbietungen „L’oeuvre du vingtieme siècle“ versprach ein Programm, das die Entwicklung eines halben Jahrhunderts in den Vertretern ihrer wesentlichen Impulse aufgezeigt hätte. In dieser Beziehung blieben allerdings einige Wünsche offen. Was, besonders in den musikalischen Werken der Oper, der Orchester- und Kammermusikkonzerte, ziemlich vollständig vorgeführt wurde, waren vorzugsweise die schöpferischen Ausstrahlungen der französischen Schule, Italiens, Englands und Amerikas, denen gegenüber der deutsche Anteil (von Strauß, Mahler, dem Schönberg-Kreis, Hindemith und Blacher abgesehen) einigermaßen im Hintergrund blieb. Zum mindesten hätte Max Reger hier figurieren müssen, dessen gerade entwicklungsgeschichtliche Rolle bedeutender war als seine verhältnismäßig geringe Bekanntheit im Ausland vermuten läßt. Aber besonders die jüngere deutsche Gegenwartsmusik vermißte man. Wenn an Stelle des Eklektikers Britten, der stilgeschichtlich so gar nichts besagt und dessen „Billy Budd“ trotz persönlicher Direktion beinahe ein Durchfall, wurde, etwa ein Stück von Orff oder Egk, vielleicht auch von Reutter oder Henze zu Gehör gekommen wäre, hätte das programmatisch mehr besagt. Ohne Animositäten wittern zu wollen, ergab sich dem deutschen Hörer so doch ein wenig der Anschein, als sei die Hypothese von dem Ausscheiden Deutschlands aus der Reihe der führenden produktiven Musikländer bei der Jury hier immer noch aktuell gewesen. Diese Hypothese jedoch muß längst als widerlegt gelten. im übrigen wurde bei dieser durchaus imponierenden Gesamtschau einmal wieder der bezwingende Einfluß evident, den Igor Strawinsky während der letzten Jahrzehnte auf nahezu alle schaffenden Musiker der Welt ausgeübt hat; teils mehr, teils weniger spürbar. (Bei den Franzosen mischt sich dieser Einfluß immer noch wieder häufig mit Nachklängen Debussys.) Demgegenüber bleibt die anregende Wirkung Schönbergs doch auf eine engere Gefolgschaft beschränkt, während Hindemiths Rang als Stilvorbild wegen der erwähnten Programmlücken nicht genug sichtbar werden konnte.

Dies vorausgeschickt, läßt sich nur sagen, daß dem gesamten Unternehmen der Stempel des Außerordentlichen aufgeprägt war. Man hatte in den letzten beiden Wochen noch Gelegenheit, neben den bereits besprochenen glanzvollen Strawinsky-Abenden, ein weiteres Konzert des Bostoner Symphonieorchesters unter Charles Münch (Berlioz und Brahms) zu hören, sodann einen Bartok-Abend und ein Konzert mit Werken von Blacher, Prokofieff, Schostakowitsch und Hindemith unter Ferenc Fricsay mit dem Berliner Rias-Orchester (zwei Abende, die weder in der Qualität der Leistung, noch in der Temperatur des Erfolges dahinter zurückstanden) und zwei Konzerte des Chors und Orchesters der Accademia Nazionale di Santa Cecilia, Rom, unter Igor Markewitch. Wiederum Hochleistungen der Interpretationskultur, deren Perfektion Schöpfungen von Busoni, Malipiero, Ravel, Dukas, Kodaly, Casella, Dallapicola, de Falla und Milhaud zugute kam. Als Solist des Ravelschen Klavierkonzerts wurde A. Benedetti-Michelangeli gefeierte ein enormer technischer Könner, dessen herausfordernd zur Schau getragene Blasiertheit jedoch auch der inneren Beredsamkeit seines eleganten Spiels einigen Abbruch tut. Im Vergleich zu ihm hatte Fricsays Solist Geza Anda in Bartoks zweitem Klavierkonzert einen echteren Triumph davongetragen. Starken Eindruck machten am zweiten Abend der Accademia Darius Milhauds zwei Stücke aus der Orestie (in der Übersetzung Claudels) im Kolossalstil für Rezitation, Soli, Chor und Massenorchester, deren immenser Aufwand aber im Einklang mit der Kraft der musikdramatischen Eingebung steht. Milhaud war auch der spiritus rector einer der interessantesten Kammermusiken (Français, Ives, Lambert und Satie), deren eine andere (Schönberg, Caplet, Walton) vom Berliner Streichquartett bestritten wurde, die letzte vom Niederländischen Kammerchor unter Felix de Nobel. Erwähnt seien aus der Überfülle der Darbietungen noch zwei Konzerte mit den Experimenten der „musique concrète“.

Überforderte Erwartungen