Von unserem Korrespondenten

K. W. Berlin, Mitte Juni

Vor etwa vier Monaten legten Grotewohl und Pieck Wert auf die Feststellung, die Volkspolizei sei eine reine Polizei-Organisation gänzlich unmilitärischen Charakters. Diese Behauptung wurde immer wiederholt, wenn der Westen auf die weit fortgeschrittene Militarisierung der Sovjetzone hinwies. Am „Tag der Volkspolizei“ in ten ersten Junitagen ebenso wie beim Leipziger FDJ-Aufmarsch rangierte dagegen die Volkspolizei selbstverständlich als die kommunistische „National-Armee“, die seit der Ankündigung in den sowjetischen Noten von der Sowjetzonenregierung als bereits für die Zone verbindlich und existent angesehen wird.

Eine öffentliche Diskussion über die plötzliche Wendung vom Ideal der Friedenstaube zum Ideal des patriotischen Scharfschützen findet natürlich in der Sowjetzone nicht statt. Doch hat eine Geheimkonferenz der Propagandisten der SED die Partei-Ideologen auf die neue Linie umgeschult. Datei sind Lenins und Stalins gelegentliche Äußerungen über militärischen Nutzen in eine erstaunliche Nachbarschaft zu Clausewitz, Schlieffen, Gneisenau und Scharnhorst geraten. Die militärische Geschichte Preußens, die bisher das erklärte Angriffsziel des Marxismus war, ist über Nacht vorbildlich für die beabsichtigte Bewaffnung der Sowjetzone geworden. Gneisenau, so kann man im Zentralorgan der SED, dem „Neuen Deutschland“ lesen, habe sich gegen das napoleonische System gewandt; er habe versucht, den durch Napoleon abgespaltenen Teil Deutschland durch Weckung der nationalen Kräfte in Preußen wieder zurückzugewinnen. Wie Gneisenau gegen den Frieden von Tilsit und gegen den schändlichen Pariser Traktat Napoleons gekämpft habe, so müsse man heute gegen den Generalvertrag, gegen das „Schanddokument“ Adenauers, kämpfen. Gneisenau habe erkannt, daß eine nationale Volksarmee viel stärker sei als eine von fremdem Willen gelenkte „Europaarmee“. Deshalb habe er zusammen mit dem Bürger Nettelbeck die erfolgreiche Verteidigung von Kolberg organisiert.

Im übrigen wird immer deutlicher, daß die rigorose Absperrung der Sowjetzone vor allem der Furcht entsprang, eine Militarisierung der Zone könnte zu einer Massenflucht aus der Ostzone führen.