Erzählung von Andreas Noir

Kußwein neigte dazu, sich durch Literatur beeinflussen zu lassen. Infolgedessen fand er sein Leben leer. Es fehlten die nahen Gefahren darin, und auf ferne mochte er sich nicht über längere Zeit vertrösten. Jahrelang fahndete er nach einer geeigneten Gefahr, mit der sich nach Bedarf auf Tuchfühlung leben ließ; aber die wenigen Gelegenheiten überfielen ihn so zufällig und unerwartet, daß er immer mit dem Schrecken davonkam, ohne doch das Glück des bewußten Auskostens zu erleben. So bekam Kußwein einen bitteren Zug in der Mundgegend, auf der linken Seite. Er hätte gern ein Auto besessen, um mit dessen Hilfe den Tod nach Wunsch herausfordern zu können, doch konnte er sich keine leisten. Also haßte er Autos.

„Autos sind ein rotes Tuch für mich“, sagte er eines Tages zu sich, als ihn beinah eins überfahren hatte. An diesen Satz schloß sich eine später nur mühsam rekonstruierbare Assoziationskette, die ihn schließlich zu dem Gedanken führte, um dessentwillen er nachher diesen Tag verfluchte.

Kußwein war Schirmträger. tag es fern, der gleichen Gerät beim zielstrebigen Nahen der verhaßten Vierrädler als Degen zu führen? Kußwein begann den strengen Sport zu entwickeln, der ihn innerlich befreite, der ihm seine Wünsche erfüllte und den Unwillen so vieler Mitbürger und auch den amtlichen der Polizei zuzog. Die Strafmandate pflegte er wie Trophäen zu sammeln

Als er sich in der Beherrschung seiner Kunst ganz sicher glaubte, ertrug er es nicht mehr, sie unbeachtet von seinen Bekannten zu üben.

„Paß mal auf, jetzt will ich es dir vorführen sagte er eines Tages zu Flaschner, als sie plaudernd durch den Verkehr schritten.

„Was?“ fragte Flaschner, befremdet über dessen plötzliche Erregung.