Von Jan Molitor

Behauptung: Die Stadt Essen Anno 1952 hat weniger Einwohner als Anno 1800 ...

Beweis: Im Jahre 1800 hatte Essen 3500 Einwohner, heute leben auf demselben Raum 1500 Einwohner ...

Anmerkung: Daß der Gesamtkomplex der Stadt Essen heute 630 000 Einwohner zählt, tut nichts zur Sache. Der Stadtkern ist es, um den es sich hier handelt: das alte Essen rund um die Münsterkirche, das heuer sein 1100jähriges Bestehen feiert. Dieser Stadtkern ist bei den 200 Bombenangriffen, die sich im Kriege gegen Essen richteten, fast immer mitgetroffen worden. Ergebnis: weite Trümmerflächen. Die englischen und amerikanischen Flieger haben hier eine entsetzliche Verwüstung, tiefste menschliche Not und – die Voraussetzung für die Umgestaltung der Innenstadt geschaffen. Seit dem Kriege entstanden Parkplätze, an denen es hier immer fehlte. Seit dem Kriege hat die Bebauung der Innenstadt City-Tendenz. Hier, wo jeder Quadratmeter Boden hohen Wert hat, sind die großen Geschäftshäuser entstanden, die Banken, die Bauten der Industrie. Dieser Stadtteil, der Raum einer der ältesten deutschen Siedlungen, ist auf dem Wege, eine der modernsten Stadtanlagen der Welt zu werden: eine City, die auch ohne Hochhäuser an amerikanische Verhältnisse erinnert. Hier wohnt man nicht. Hier kauft man ein, hält Besprechungen, Beratungen ab, geht ins Konzert, ins Theater. Die wiederhergestellte Oper ist tatsächlich jeden Abend ausverkauft, desgleichen die Abonnementskonzerte im wiedererstandenen Saalbau. So kommt es, daß in Essen nur 1500 Leute wohnen ...

Auf dem Kruppschen Werkgelände, das siebenmal so groß ist wie die Innenstadt, wurde einst das berühmte Stammhaus der Krupps pietätvoll bewahrt, bis eine Fliegerbombe es zerstörte. Unmöglich, es wieder aufzubauen. In der City sind es zwei uralte Kirchen, die aus ihren Trümmern wiederauferstehen und so klein und so beseelt inmitten der sachlichen Gebäude stehen, wie jenes Krupp-Haus einst inmitten der Fabrikhallen. Nein, dieser Vergleich ist nicht frivol. Alfred Krupp, dem die Stadt ihre heutige Größe am meisten verdankt und der nicht nur ein genialer, sondern auch ein frommer, sehr menschlicher Mann war, hat einst aus der Erinnerung an sein Elternhaus die Kraft zur Idee seiner Arbeitersiedlungen gezogen: "Das Haus hat für mich eine rührende und freudige Erinnerung ..., und ich glaube, daß ein Arbeiter gern in einem solchen Hause wohnen wird..." Das heißt: Für, die Krupps war das alte Haus kein historisches Requisit. Noch viel weniger wirken für alle Essener die Münsterkirche und die Marktkirche ausschließlich als geschichtliche Zeugnisse: sie sind stille Ruhepunkte im Lärm des Verkehrs, sie sind geistige und geistliche Zentren. Sie bilden den leisen, doch unüberhörbaren Kontrapunkt zur dröhnenden Welt der Hochöfen, Zechen, Fabriken, deren größter Beherrscher, eben jener Alfred Krupp, einmal den Satz geprägt hat: "Der Zweck der Arbeit soll das Gemeinwohl sein, dann bringt Arbeit Segen, dann ist Arbeit Gebet."

Hier das Resultat eines Experiments, das dem Gedanken, die "City" sei nicht nur der Kern, sondern auch die Seele Essens, zu widersprechen schien: Ich habe 32 Essener gefragt, wo der Münsterschatz zu finden sei. Niemand wußte es ...

Die Erklärung dafür lautet – so wurde mir später gesagt –, daß die Wiederherstellungsarbeiten an der katholischen Münsterkirche, die als Gotteshaus des vor 1100 Jahren gegründeten adeligen Frauenstiftes die Keimzelle Essens war und seither den berühmten Goldschatz birgt, noch nicht vollendet sind. Der älteste Gebäudeteil ist noch geschlossen, und Schilder "Einsturzgefahr" verwehren den Zutritt. Im Innenhof, dem Atrium, aber war ein Steinmetz an der Arbeit, der gerade eine Woche zuvor aus einem Westerwalddorf nach Essen gerufen worden war. Er erklärte die Funktion des Steines, an dem er eifrig meißelte und der einen gotischen Bogen schließen sollte. Was ihm im Umgang mit den Essenern auffiel, war die Tatsache, daß man ihn, der im Besitz einer heute seltenen Handwerkskunst ist, in dieser Stadt der hochentwickelten Facharbeit mit einer Achtung begegnete, die er daheim, in seinem Westerwalddorf, nie zu erwarten gewagt hatte.