Wer die Eingangshalle des in seinem Äußeren recht nüchtern konventionellen Stedelijk-Museums zu Amsterdam betritt (es ist von außen die auch in Holland anzutreffende typische Gymnasialrenaissance), wird zunächst, amüsiert und dann verblüfft auf eine Art Totempfeiler stoßen: er ist, in den Nationalfarben blauweißrot anmutig und „lecker“ gestrichen, der Richtungsweiser. Holztafeln, wie früher bei uns am Handweiser einer Chausseekreuzung, nennen die Titel der Sonderausstellungen, und der Winkel, mit dem sie etwa nach oben-rechts oder nach hintenlinks zeigen, bedeutet den jeweiligen kürzesten Weg. Liest man sie also von oben nach unten, so enthüllt ihre Summe das Monatsprogramm. Augenblicklich ist es wahrhaft überwältigend. Außer der großen van-Gogh-Sammlung aus Laren ist die in ihren Akzenten immens wesenhaft „komponierte“ Sammlung Regnault zu sehen, die von den dichtesten frühen Chagalls (um nur ein paar Stationen zu nennen) über einen ganzen, Saal Massimo Campigli bis zu Mondriaen, Klee und, von unsern Landsleuten, zwei trefflich intensiven die Malerei Willi Baumeisters führt.

Davon abgesehen birgt dieses eine, städtisch dotierte Unternehmen zur Zeit eine Ausstellung Hundert Meisterwerke aus dem Pariser Musée de l’Art Moderne“ – und aus diesen nur hundert Bildern (von Vuillard über Roger de la Fresnay, diesen merkwürdigen „Verwandten“ unseres Macke, bis zu Picasso und Miro) ergibt sich tatsächlich ein didaktisch konzentrierter Einblick in die Dynamik des französischen Kunstwollens, von etwa 1890 bis zu Gegenwart; viel „handlicher“, als wenn man sich in dem Monstrebau der Avenue Wilson zurechtsuchen muß. Weiterhin eine große Ausstellung „Puppen“, von der Barockzeit bis zum Sozialismus inklusive exotischer Puppen; weiterhin eine Kollektivausstellung von 85 Ölbildern achtzigjährigen Georges (die erste repräsentative Kollektivausstellung nur eses Malers, mit Bildern aus den entlegener ein amerikanischen Museen); und dann noch eine Ausstellung „Kunst uit Krefeld“, die sich Direktor Sandberg einige Wochen zuvor selbst zusammengestellt hat aus dem optischen „Rechenschaftsbericht“, den die Werkkunstschule und sie Textilingenieurschule Krefeld neulich im Krefelder Museum der Öffentlichkeit unterbreitet hatten.

Es ist unmöglich, an der Rouault-Ausstellung hier schriftlich vorbei „gehen, ohne zumindest mit ein paar Randbemerkungen auf ihre eminente Wichtigkeit hinzuweisen. Denn da liegt das, als Erfüllung, vor, was sonst im ganzen Abendland händeringend gesucht, von den Kanzeln beschworen, von öffentlichen Appellen vergelblich stimuliert wird: christliche Kunst aus dem Geist unserer Gegenwart! Dazu mag es in diesem grandiosen Sonderfalle gekommen sein, weil hier ein unerbittliches Fragen nach den sozialen Bedingnissen und ein illusionsloses Wissen von unserer Geworfenheit in einer Seele, zueinander traten, die gleichzeitig von der Gnade eines „geschlossenen“ Glaubens geformt ist. Ein Maler, der in der Werkstatt Gustave Moreaus sich selbst eine merkwürdige Legierung von frühem Rembrandt, Turner, ja, Leonardo herangebildet hatte, traf plötzlich auf einen gleichgestimmten „Missionar“, auf Léon Bloy. Von da an bildet sich, durchaus in Anlehnung an Ikonen, an koptische Fayumporträts, eine gleichsam christliche Konsistenz der Farbmaterie, goldene Schimmer legen sich über Profile und Hügelrücken, irdisch Banales wird entrückt in ein legendäres Licht des Glaubens; aber nichts wird bravourös geschildert, sondern es wird unendlich streng buchstabiert. Da malt einer die Anfangsbuchstaben der Landschaft, die Majuskeln des Mensehengesichts, und die Materie selbst, eine dicklich emailhafte Paste, bekommt ihr eigenes, spiritualisiertes „Sein“.

Von da zu den eleganten, preziösen, reichen, aber niemals verspielten Werkformen der Krefelder Schulen ist ein ungeheurer Sprung, aber keine Enttäuschung. Man sieht eher, daß die Pleite, die vorigen Sommer unsere Abteilung auf der Mailänder Triennale erlitten hat, eine Folge ungeschickter Präsentierung war, und kein unumstößlicher Beweis, daß nun bei uns, was Formphantasie angeht, tatsächlich „alles schläft“. Eher ist es wohl so, daß bei uns die Formkräfte auf den Appell zum Wagemut nur warten. Wie etwa in den Krefelder Geweben die Erfahrungen der abstrakten Graphik, des ungegenständlichen Zeichnens und Erfindens, verwandt werdet, am mit den Stoffen „neue Organismen“ zu bilden, das ist köstlich und, weiß Gott, nicht rückwärtsgewandt! Das enthüllt sich zumal in der „vieldimensionalen“ Innigkeit der kleinteiligen Muster, die nicht modisch-kapriziös „aufgesetzt“ werden, sondern die den fülligen Charakter der Stoffe überhaupt konstituieren. Da werden (geistig) Muster nicht projiziert, sondern sie „machen“ den Stoff. Der gleiche Prozeß läßt sich an der Behandlung der anderen Werkstoffe beobachten, etwa bei der Behandlung von Dekorationslacken. Für die Tatenlust der Graphikklasse „spricht“ als bestes Zeugnis im Augenblick das Plakat ihres Leiters Walter Breker vor dem Ziegelrot der Amsterdamer Hauswände, es läßt sich durchaus den besten Plakaten etwa in der Schweiz an die Seite stellen: der weiße Kontur eines zwischen Klee und Miro beheimateten Schmetterlings umschließt vor appetitlichem Hellgrün ein paar blaue, gelbe, rosa Farbflecken – und wirbt so, gleichsam diskret-indirekt, für die Seide der Stadt Krefeld. Die Ausstellung wurde vom Amsterdamer Bürgermeister mit demonstrativer Freundlichkeit eröffnet. Ob wir also die psychologischen Drahtverhaue auch auf schwierigem Terrain endlich zu durchbrechen vermögen – das hängt davon ab, ob unsere Qualitäten den Gran Wagemut enthüllen, der von den anderen dann als fruchtbarer Anstoß erkannt wird.

Inzwischen hat Amsterdam einen Gegenbesuch in Krefeld angetreten: Dr. W. J. H. B. Sandberg, der Direktor des Stedelijk-Museums, eröffnete in der Seidenstadt eine Ausstellung der Amsterdamer Kunstgewerbeschule, deren Ziele und Wege sich denen der deutschen Werkkunstschule sehr verwandt zeigen. A. S.-V.