Seit 350 Jahren ist die Familie Krupp in Essen ansässig, und viele ihrer Mitglieder haben als Ratsherren und Bürgermeister an der „Regierung“ dieser ehemals reichsfreien Stadt teilgenommen. – Die Hinwendung zur industriellen Betätigung geht indessen erst auf Friedrich Krupp (1787–1826) zurück. Wie manche seiner Zeitgenossen hatte ihn die Herstellung des kostbaren Gußstahls, die damals ein streng gehütetes Geheimnis Englands war, in seinen Bann gezogen. Ihr hat er alle seine Kraft und sein stattliches Vermögen geopfert, und schließlich ist er wirklich dahin gelangt, einen Tiegelstahl, wenn auch zunächst nur in kleinen Formen, zu gießen. So trägt die von ihm 1811 gegründete Gußstahlfabrik mit Recht noch heute seinen Namen.

Daß aber aus solchen bescheidenen Anfängen ein Unternehmen von Weltruf erwuchs, war die Leistung seines Sohnes Alfred Krupp (1812 bis 1887), des größten Sohnes der Stadt Essen. Dank einer ungewöhnlichen technischen Begabung, die sich mit äußerster Tatkraft und Zähigkeit verband, wurde er einer der bedeutendsten Stahlfachleute seiner Zeit und ein Konstrukteur ersten Ranges. Er hatte den väterlichen Betrieb mit vier Arbeitern übernommen; bei seinem Tode beschäftigte die Essener Gußstahlfabrik 13 000, und das Gesamtwerk einschließlich der inzwischen hinzugekommenen Außenbetriebe zählte 20 000 Arbeiter und Angestellte.

Auf ihn folgte an der Spitze der Firma sein Sohn Friedrich Alfred Krupp (1854–1902) und auf diesen der Gatte seiner Tochter Bertha, Dr. Gustav von Bohlen und Halbach (1870 bis 1950). 1940 ging die Leitung des Werkes auf den ältesten dieser Ehe entstammenden Sohn Alfried Krupp von Bohlen und Halbach (geb. 1907) über. – Den Nachfahren von Alfred Krupp kommt nicht nur das Verdienst zu, die von ihm geschaffene Tradition gewahrt zu haben, sondern zu ihrer Zeit hat die Firma eine weitere starke Expansion erfahren. 1914 war die Gesamtbelegschaft des Werkes auf 81 000 und 1938 auf 112 000 angewachsen, wovon auf die Essener Gußstahlfabrik 43 000 und 51 000 entfielen.

Über alle Wechselfälle der Zeit, die dieses mit dem deutschen Schicksal so besonders eng verbundene Unternehmen nicht verschont haben, hat die Linie seiner Entwicklung aufwärts geführt. Zu danken war dies der Qualität des Gußstahls, die Alfred Krupp zu höchster Vollkommenheit entwickelt hat. Auch weiterhin blieb dessen Erzeugung auf die Essener Fabrik konzentriert. Als die Firma 1895 zur Massenerzeugung von Eisen und Stahl überging, wurde hierfür abseits von Essen die Friedrich-Alfred-Hütte am Niederrhein errichtet. Alfred Krupp ist es aber auch gewesen, der seinem Gußstahl immer neue Verwendungsmöglichkeiten erschlossen hat. Sehr bald, in der Zeit des beginnenden Eisenbahnbaus, erwies der Gußstahl seine Überlegenheit als Eisenbahnbaumaterial, und an die Erfindung der nahtlosen Reifen durch Alfred Krupp erinnert noch heute das Fabrikzeichen der Firma mit den bekannten drei Ringen. Ein zweites Absatzgebiet wurden Geschützrohre, die bisher in Bronze gegossen worden waren. Der früheste Auftrag für Kanonen stammte übrigens nicht vom preußischen Kriegsministerium, sondern aus Ägypten, und ihm folgten Angebote von Napoleon III. an Alfred Krupp, seine Gußstahlfabrik nach Frankreich zu verlegen.

Schon Alfred Krupp hatte begonnen, durch Erwerb von Erzgruben im In- und Ausland sowie von Kohlenzechen im Ruhrbezirk die Rohstoffbasis des Werkes zu sichern. Unter Friedrich Alfred Krupp sind vor allem wichtige Verarbeitungsbetriebe angegliedert worden: das Stahlwerk in Annen, das Grusonwerk in Magdeburg, die Germaniawerft in Kiel und zahlreiche andere Spezialwerke. Mehr und mehr fiel damit dem Essener Stammwerk zugleich die Verwaltung des gesamten Kruppkonzerns zu.

Friedens- und Kriegsmaterial blieben auch weiterhin die beiden Hauptgruppen des Produktionsprogramms der Gußstahlfabrik. Im Weltkrieg 1914–1918 überwogen begreiflicherweise die letzteren. Nach seinem Ausgang und der darauffolgenden Zerstörung der Essener Rüstungsbetriebe wurde Ersatz geschaffen durch die Aufnahme neuartiger, der Friedenswirtschaft dienender Erzeugnisse, wie Lokomotiven und Eisenbahnwagen, Kraftwagen, Dieselmotoren und Spezialmaschinen; selbst einzelne Zweige der Feinmechanik wurden eingeführt. Schließlich kam es auch zu einer längst geplanten Neuanlage, dem Bau eines Hütten- und Walzwerks in Essen-Borbeck am Rhein-Herne-Kanal.

Nachdem die Kruppwerke seit 1918, abgesehen von geringfügigen im Vertrag von Versailles festgelegten Produkten, keinerlei Kriegsmaterial hergestellt hatten, wurden ihnen seit der Mitte der dreißiger Jahre immer mehr Rüstungsaufträge auferlegt. Es ist aber darauf zu verweisen, daß die Fertigung von Kriegsmaterial auf, der Gußstahlfabrik im Durchschnitt der Jahre 1933–1938 nur 26 v. H. und in den Geschäftsjahren 1939–1943 erst 43 v. H. betrug, so daß die Fertigung von Friedensmaterial selbst im zweiten Weltkrieg überwogen hat.