Essen besteht als moderne Einkaufsstadt schon seit langem, weil seine Verkehrsverhältnisse, seine Verkehrslage, sein Verkehrsraum einzigartig sind. Die Beobachtung eines Verkehrsfachmannes, daß im Ruhrgebiet „alle Wege nach Essen führen“, ist richtig. Essen hat 34 Bahnhöfe, über ein Dutzend große Bus- und Straßenbahnlinien; es wird von zwei internationalen Bahnlinien durchschnitten, deren südliche, den Hauptbahnhof treffend, zugleich Grenze der eigentlichen City ist. Die City, in räumlicher Enge zwischen Bahnlinien im Süden und Norden, zwischen dem riesigen Werkareal von Krupp, zwischen Zechen und Fabriken im Osten und Westen zusammengepreßt, ist das Herz, in dem die Adern dieses dichtesten deutschen, vielleicht europäischen Verkehrsnetzes ihren Mittelpunkt haben. Der Herzschlag des Verkehrs pumpt tagaus, tagein die Millionen im Rhythmus von Morgen und Abend in die Metropole des Ruhrgebiets. Neben den Rohstoffen Kohle und Eisen wurde die Verkehrslage zum Schicksal der größten Stadt des Ruhrgebiets und seines Einzelhandels.

Aber Verkehr allein ist noch nicht Handel. Er ist es ebensowenig wie die Schiene und der Waggon schon Eisenbahn ist. Der Handel ist der Weichensteller oder auch das Hirn der Warenbewegung. Er organisiert, er ordnet, er ermöglicht den komplizierten Vorgang des Kaufes, der ja im Wunsch und im Bedürfnis von Millionen Köpfen und Herzen von Verbrauchern seinen psychologischen Ursprung hat. Mit anderen Worten: Der Handel und vor allem der Einzelhandel bedient eines der raffiniertesten Schaltwerke der modernen Kultur und Zivilisation, er ist ein unentbehrlicher Teil des Zeitalters der Technik und der Rationalisierung; im System der freien Wirtschaft zudem Ausdruck der individuellen Freiheit: Der Freiheit der Konsumwahl, der Freiheit, Güter aller Art in unübersehbarer Vielfalt zu erzeugen, zu begehren und zu erhalten, – freilich zugleich auch der ethischen Freiheit, auf einen Teil der Güter verzichten zu müssen. Denn der Handel muß den Bedarf von Gütern und das Begehren danach wecken, ohne jedoch jedem einzelnen alles sichtbar Gebotene geben zu können. In dieser Tatsache liegt vielleicht das Hauptrisiko zu Lasten jedes freien Wirtschaftssystems, da eine, nur die Knappheit zuteilende, nicht aber eine am Überfluß sich beteiligende Wirtschaft viel leichter in der Lage ist, die Massen zu befriedigen; denn es ist ein fundamentaler Unterschied, ob der Mangel oder der Überfluß der Gradmesser des niemals begrenzbaren Begehrens ist. Als Träger dieses Risikos ist der Handel der exponierteste Vorposten der freien Wirtschaft, auch der Industrie, die mit der Freiheit des Handels steht und fällt.

Gibt es also eine Aufgabe des Handels?... Und ob es eine gibt! Es gibt eine Aufgabe, die den Kaufmann des Einzelhandels, besonders in Essen mitten im Kohlenrevier, dem Zentrum von Millionen Bewohnern, begeistert. Wäre sonst der atemlose Wiederaufstieg der Einkaufsstadt an der Ruhr möglich gewesen?! Wäre Einzelhandel eine Aufgabe ohne tieferen Sinn und ohne Ziel, ohne sittliche Rechtfertigung, als letztes Rad am Wagen der Wirtschaft? Nein!

Hinter der riesigen Leuchtschrift gegenüber dem Hauptbahnhof „Essen die Einkaufsstadt“, steht die Energie eines Verbandes von 3000 Essener Einzelhandelsgeschäften, zusammengeschlossen in dem Willen, die Millionenmassen der Werktätigen des Reviers mit immer besseren, nützlicheren, schöneren und vor allem preiswerteren Waren zu versorgen.

Richard Neuhaus