Von Oberbürgermeister Dr. Hans Toussaint

Essen, das in diesem Jahre auf eine 1100jährige Geschichte zurückblicken kann, war bis zum Beginn des vergangenen Jahrhunderts ein zwar an Tradition reiches, aber in seiner wirtschaftlichen Bedeutung nicht sonderlich hervortretendes Landstädtchen mit etwa 3500 Einwohnern. Erst um die Mitte des vorigen Jahrhunderts, als Kohle und Eisen die beherrschenden Faktoren des Wirtschaftslebens wurden, begann die Entwicklung, die Essen in stürmischem Wachstum zur Metropole des Ruhrgebiets machte. 1939 wies die Stadt eine Bevölkerung von 665 000 Einwohnern auf.

Hatte die Stadt bereits durch den ersten Weltkrieg schwere wirtschaftliche Schäden davongetragen, so schienen die Erschütterungen des zweiten Weltkrieges mit ihren Kriegs- und Nachkriegsereignissen vernichtend zu sein. Neben umfangreichen Schäden wog aber die Tatsache besonders schwer, daß im Zuge der Demontage und der Entmilitarisierung auch zahlreiche der Friedensfertigung dienende Betriebe zerstört wurden. Diffamierend war die Anweisung der Besatzung, daß auf dem zerstörten und demontierten Gelände der Kruppschen Gußstahlfabrik, das neunmal so groß ist wie die City, bis zur Jahreswende 1949/50 auch keinerlei Neuansiedlungen, ja nicht einmal Aufräumungsarbeiten durchgeführt werden konnten.

Da also mit Ausnahme der Kohle der industrielle Wiederaufbau durch alliiertes Verbot nicht möglich war, förderte die Stadt zunächst den Wiederaufbau von Handel und Verkehr. Dies erwies sich auch deshalb als besonders dringlich, weil gerade die Zahl der weiblichen Erwerbslosen ungewöhnlich groß war, denn weder der Bergbau noch schwerindustrielle Produktionsstätten können ja den vorhandenen Frauenüberschuß aufnehmen. Heute sind nahezu 95 v. H. der Geschäftshäuser wieder errichtet, und Essen trägt mit Recht den Namen „Die Einkaufsstadt des Reviers“.

Essen hatte in den vergangenen Jahrzehnten darunter gelitten, daß seine Wirtschaftskraft im wesentlichen nur auf den beiden Grundstoffen Kohle und Eisen beruhte, zwei Grundstoffen, deren Abhängigkeit voneinander die Stadt in Krisenzeiten vor schwere Probleme stellt. So zählte Essen 1932 etwa 79 400 Erwerbslose, d. h. ein Drittel aller Erwerbstätigen war auf Unterstützung angewiesen. Diese Erfahrungen führten dazu, bei der Neubesiedlung des Kruppschen Geländes eine Auflockerung der früheren schwerindustriellen Struktur durch Förderung auch mittlerer Betriebe anzustreben. Dies schien um so mehr geboten, weil die handwerklichen Betriebe in Essen bisher nicht die wirtschaftliche Bedeutung hatten wie in den anderen Städten.

Als nach langwierigen Verhandlungen mit den Besatzungsbehörden 1949 eine Produkticnserlaubnis für verschiedene Teilgebiete der Firma Krupp, aber auch zur Neuansiedlung von Betrieben auf dem Krupp-Gelände gegeben wurde, gründeten das Land Nordrhein-Westfalen und die Stadt Essen gemeinsam die Industrieförderungsgesellschaft, die ermächtigt wurde, durch Vermietung, Verpachtung oder Verkauf Gelände der ehemaligen Gußstahlfabrik einer industriellen Verwertung zuzuführen. Bei dieser Neuansiedlung wurden Mittel- und Kleinbetriebe bevorzugt, und so sind heute Betriebe der verschiedensten Fertigungen, wie Reißverschlüsse, Textilien, Elektroerzeugnisse, mechanische Werkzeuge und Metallgeräte, in Essen beheimatet und geben der Stadt eine ausgeglichenere, breitere Wirtschaftsbasis.

Von den Erwerbstätigen sind heute rd. 90 v. H. Arbeiter, Angestellte oder Beamte und nur 10 v. H. Selbständige. Dieses für eine Industriestadt typische Verhältnis ist aber auch dadurch gekennzeichnet, daß fast zwei Drittel aller Arbeitskräfte in Industrie und Handwerk tätig sind, aber auch, daß Handel und Verkehr mehr als ein Fünftel beschäftigen.