Der „Begriff“ Essen, wie er sich im Laufe des 19. Jahrhunderts herausgebildet hat, beruht auf einer nahezu sprichwörtlich gewordenen Union von Kohle und Eisen. Geht man aber um Jahrhunderte zurück, in die frühen Zeiten dieses vor 1100 Jahren gegründeten hochadeligen Damenstifts nämlich, so wird man voll Überraschung auf ein ganz anderes, allerdings ebenfalls importiertes Metall stoßen: es ist schlechterdings überwältigend, wie intensiv und wieviel Gold diese frommen Prinzessinnen für ihre fürstliche, den Mächten des Jenseits anempfohlene Kongregation gesammelt haben. Oder soll man sagen, als eine Art magischer Schutzwand um sich versammelt haben? Denn, obwohl dieser Münsterschatz (um den es sich handelt) in Kriegslasten und Zeiten der Verarmung gewißlich diese oder jene Verluste erlitten haben wird: was den Betrachter plötzlich wie eine merkwürdige und unerwartete Erkenntnis anspringt, ist die Einsicht, daß er es da geradezu mit einem Kult des lauteren Goldes zu tun hat! Gewiß, dieser Kult war kirchlich gezügelt und religiös sublimiert. Es mag vielleicht als selbstverständlich und wohlbegründet angesehen werden, daß da eben reiche Fürstinnen, Damen der kaiserlichen Familie, das Liebste und Kostbarste mitbrachten oder anfertigen ließen, um den Glanz dieser ihrer Repräsentationskapelle zu „fundieren“. Dennoch, die Tatsache, daß ausgerechnet hier, inmitten dieses Ensembles edelster früher Reliquienkreuze, auch heute noch dieses wahre Unikum der einzigen in Nordwesteuropa erhaltenen goldenen Madonna anzutreffen ist – diese Tatsache verführt zu spekulativen Ausdeutungen.

Diese goldene Madonna selbst (sie stammt aus der Glanzzeit der Äbtissin Mathilde, Enkelin Ottos I., die von 973 bis 1011 regierte) erscheint nämlich – das sei mit allem Respekt gesagt – durchaus als ein fremder, großartig starrer, goldumflossener Fetisch und hat mit der personal angenäherten, vermenschlichten, ins Liebliche interpretierten Muttergottes des späteren, hohen Mittelalters wenig zu tun. Es ist eher ein Inbild unerforschlicher, starker, matriarchalischer Zauberkräfte. Man muß sich diese immerhin 74 cm hohe Statue, die heute der Neugier des Fremdenverkehrs und der Skepsis des Forscherblicks nahezu indiskret preisgegeben ist, etwa in einer Nische, umflossen von Kerzenlicht, vorstellen. Sich diese magische Verdeutlichung eines weiblichen Triumphes geradezu als wortloses, aber in Gold „sprechendes“ Symbol solch eines geistlichen Zusammenschlusses hochfürstlicher Frauen vorzustellen, liegt sehr nahe: eine Elite christlicher Vestalinnen, alle aus sehr guten Familien, hält sich mit diesen äußerst glanzvollen und wirkungssicheren Heiltümern die rauhe und dunkle Welt fern. Dagegen spricht nicht, daß auf einem grandios köstlichen Zellenschmelz (am Fuße des großen Mathildenkreuzes), unterhalb des goldgetriebenen Reliefs einer Weltschlange, Mathilde und ihr Bruder Otto, Herzog von Schwaben, gemeinsam den Kreuzesschaft ergreifen.

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Mit der Liquidierung der Fürstabtei (im Jahre 1802) verschwanden die letzten, schon damals kaum mehr merkbaren Spuren solcher zumindest geistlichen Verbundenheit mit überprovinziellen Bereichen einer gewissen Spiritualität. Die Tüchtigkeit des 19. Jahrhunderts ließ dann eine Beschäftigung mit den Künsten in nur geringem Maße – mit der bildenden Kunst überhaupt nicht aufkommen. Dem abzuhelfen, besann man sich nach dem ersten Weltkrieg zu einen plötzlichen Entschluß und übernahm en Not die großartige Sammlung des Hagener Mäzens Karl Ernst Osthaus – eine Sammlung, die damals, vor 30 Jahren, geradezu noch zeitgenössisch genannt werden konnte (zwei der herrlichsten Gauguins stammen „erst“ aus dem Jahre 19021). Mit der Sammlung übernahm man auch den skaldischen Namen „Folkwang“, Feierstätte für das Volk, und umbaute diese von inneren „aktiven“ Kräften geradezu brodelnde Kollektion herrlicher van Goghs, Gauguins, Manns – von hellseherisch gewählten Monets, dem grofen Daumier („Ecce Homo“) hier zu schweigen – mit einem zwar buntscheckigen, aber nicht unwürdigen Gehäuse; so daß bis 1933 der Komplex „Folkwang“ seine Funktion, auf Grund seid strahlender und gegenwartsnaher Schätze Westdeutschlands aktivstes Museum bleiben zu müssen, würdig erfüllen konnte. Daß den NS-Säuberungen dann ein außergewöhnlich hoher Prozentsatz des Museumsbesitzes zum Opfer fiel, lag an der Lenkung durch einen „überzeugten“ Muxumsleiter. Späterhin zerstörten Bomben das Gehiuse. Man richtete sich nach dem Kriege mit den Resten der Bilder auf dem wohlgelegenen Herrensitz Schloß Hugenpoet im Ruhm! ein und mache mit bestem Erfolg eine Art Pilgerstätte daraus. Das Publikum war froh, daß es wenigstens einen Teil geliebter „Favoriten“ wiedersehe! durfte (wozu Renoirs weltberühmte „Lise“ von 1867 gehört), und unterließ es leider, rechtzeitig dagegen zu meutern, daß die Stadtbehörde innerhalb der eigentlichen City keinerlei „Ort“ für irgendeine Begegnung mit bildender Kunst zu schaffen unternahm. So begann man erst spät mit Wiederherstellungsarbeiten an der Museumsruine. Erst nach und nach sieht die Museumsleitung sich in der Lage, dem evidenten Vorsprung anderer, nicht weniger zerstörter Städte in der Nachbarschaft nachzustreben, mit Hilf, eines sehr vorsichtigen Ausstellungsprogramms. Bis aber „das“ Folkwang seine führende Stellung von ehedem wieder errungen hat, darüber mögen noch Jahre vergehen. Vorerst ist es noch als ein „historisches“ Museum anzusehen, als eine Art Schatzkammer für Perlen aus der Zeit der Jahrhundertwende. Sein Begründer hatte es sich als einen Schauplatz gegenwärtiger Kunst gedacht...

Albert Schulze Vellinghausen