Von unserem Korrespondenten für das Industrie-Revier W.-O. Reichelt, Düsseldorf

Das Jahr 1952 wird eine neue empfindliche Zäsur durch das Organisations-Schema der westdeutschen Kohlen Wirtschaft bringen. Daß eines Tages die Wiederauflösung der alliierten Gründungeiner Deutschen Kohlenbergbau-Leitung und eines Deutschen Kohlen-Verkaufs kommen werde, war den Männern in den Führungsstellen der Kohlewirtschaft klar, die von vornherein illusionslose Folgerungen aus der militärischen und wirtschaftlichen Niederlage zogen. Daß nach 1945 auf alliierten Befehl eine straffe Organisation für Braunkohle und Steinkohle geschaffen wurde, geschah nur deswegen, weil die Alliierten allzu chaotische Zustände in Deutschland wie Seuchen (biologische und moralische) und eine Bolschewisierung im Herzstück Europas verhindern wollten. Da nun all diese Gefahren dank der inneren Widerstandskraft des Volkes überwunden sind, prasseln die Auflösungsbefehle gegen die starken Organisationen in unserer nationalen Volkswirtschaft erneut hernieder.

Aber nicht umsonst ist die unter Leitung des Generaldirektors der Haniel-Zechen „Rheinpreußen“, Bergassessor a. D. Dr.-Ing. e. h. Heinrich Kost, stehende DKBL „Das Gehirn des Bergbaues“ genannt worden. Schon seit langem schweben innerhalb des Glückauf-Hauses in Essen Erörterungen über die Reorganisation des alliierten Kohlen-Kartells und seine Umwandlung in aktionsfähige, übersehbare und leistungsfähige Verbände. Die Aufgabe lautet, nicht nur den Bedürfnissen des Marktes, also den Konsumenten, nicht nur den Bedürfnissen der Zechen, also den Produzenten, gerecht zu werden, sondern auch den innerpolitischen Fakten aus der Mitbestimmungsgesetzgebung die notwendige Resonnanz und die Grenzen ihrer Befugnisse zu verschaffen. Das Jahr 1952 wird auf Grund des alliieren Druckes, aber auch auf der Notwendigkeit, die organisatorischen Folgerungen von Mitbestimmung und Neuordnung zu ziehen, die ersten Ansätze der Reform bringen. Es erscheint uns dabei notwendig, daß die unbestreitbaren Vorteile, die zum Beispiel der straff (und gut) geführte Deutsche Kohlen-Verkauf und die überregionale Einheitlichkeit zahlreicher DKBL-Aufgaben in den vergangenen Jahren gebracht haben, weitgehend erhalten oder sinngemäß übernommen werden. Immer deutlicher tritt dagegen das Fehlen einer klaren Eigentümer- oder Unternehmer-Organisation des Kohlenbergbaues zutage; es fehlt ein echter Partner für die Industriegewerkschaft Bergbau. Denn der Abschluß von Tarifverträgen, das Aushandeln der sozialen Leistungen und die gemeinsamen Bestrebungen, zu einer fortschrittlichen Betriebsverfassung zu kommen, waren bisher entweder unecht – da die DKBL paritätisch besetzt ist – oder blieben mangels klarer Arbeitgeberorganisationen im Bergbau in Einzelaktionen stecken.

Um die Fülle der Zukunftsaufgaben der neuen aufgespaltenen Verbände in der Kohle erkennen zu können, sei kurz Bedeutung und Aufgaben der bisherigen zentralen Lenkung dargestellt. Diese Aufgaben ergaben sich nicht aus theoretischen Überlegungen, sondern aus den praktischen Erfahrungen, die im Bergbau mit dem Schwerpunkt an der Ruhr schon seit vielen Jahrzehnten vorliegen und bereits lange vor der Jahrhundertwende zu den ersten Zusammenschlüssen geführt hatten. Vom Absatz her erfolgte ein gewisser Zwang zur Organisation. Der deutsche Kohlenmarkt zeigt heute wie ehedem eine Wettbewerbssituation, die von der Wissenschaft als „Zustand der unvollständigen Konkurrenz“ definiert wird. Ihre wesentlichen Merkmale sind in diesem Falle das Vorherrschen eines zusammengefaßten Angebotes auf der einen Seite und einer bei wenigen Großverbrauchern konzentrierten Nachfrage. Nehmen wir zum Beispiel das gesamte Steinkohlenaufkommen gleich 100, dann entfallen im Durchschnitt 45 Teile auf internen Verbrauch, das heißt, 9 auf Zechenselbstverbrauch, 1 auf Energie, 2 auf Deputate und 33 Teile auf Lieferungen an Kokereien. 55 Teile sind für den Absatz verfügbar, wovon etwa 13 auf die Ausfuhr entfallen. Von den restlichen 42 nehmen die Gruppen Bundesbahn, Kraftwerke, Versorgungsindustrie (Gas und Wasser) und eisenschaffende Industrie über die Hälfte, die sonstige Industrie etwa ein Drittel, davon das Gros die Chemie. Etwa 15 v. H. der gesamten industriellen Erzeugung ist brennstoffkostenempfindlich.

Nicht allein die Verbrauchsstruktur zeigt starke Ballungen. Auch die regionale Gliederung des Kohlenabsatzes hat Schwerpunkte. Von den verfügbaren Steinkohlen und Koks wurden in den letzten Jahren durchschnittlich 25 bis 27 v. H. exportiert. 38 v. H. vom Inlandsabsatz blieben in Nordrhein-Westfalen, 20 v. H. gingen in die sonstige britische Zone, 20 v. H. in die amerikanische Zone. Dieser Zusammenballung auf der Nachfrageseite folgte in der chronologischen Entwicklung eine Zusammenfassung des Angebotes, In den siebziger Jahren des vorigen Jahrhunderts entstanden die „Kohlenausfuhrvereine“ und die „Förderkonventionen“. Sie gingen 1890 in das erste Syndikat über. Das Kohlen wirtschaftsgesetz vom 23. März 1919 verstärkte den Staatseinfluß auf die Kohlenwirtschaft und verpflichtete den Bergbau, sich zu Syndikaten und darübergeschaltet zum Reichskohlenverband mit dem Reichskohlenrat zusammenzuschließen und sich dem Reichswirtschaftsminister zu unterstellen.

Nach Beendigung des zweiten Weltkrieges verfügte die North German Coal Control (NGCC) am 5. September 1945 die Auflösung der Syndikate, bildete als eigene Hilfsabteilung die „Ruhrkohlen-Centrale“ an deren Stelle und übertrug ihr die Aufgaben der Verteilung, des Versandes, der Abrechnung und der Planung. Am 18. November 1947 wurde die Deutsche Kohlenbergbau-Leitung (DKBL) gegründet, zugleich ihre Verkaufszentrale, der Deutsche Kohlen-Verkauf. Der gesamte Verkauf und Versand aller Zechen und Kokereien erfolgt seitdem über diese bisher in Deutschland noch nicht dagewesene zentrale Verkaufsstelle. Neun Zweigstellen in der britischen Zone und das Kohlenkontor Weyhenmeyer in Mannheim bildeten die regionale Untergliederung. 1950 wurde der Verkauf von Braunkohlenbriketts aus dem rheinischen und dem Helmstedter Revier wieder verselbständigt, ferner der Aachener Kohlenverkauf und der Niedersächsische Kohlenverkauf zu selbständigen Verkaufsorganen ausgebildet, aber der DKBL blieben sie unterstellt.

Die Aufgaben der DKBL, die den Militärregierungen für leistungsfähigen Betrieb im Steinkohlen- und Braunkohlenbergbau, für Lenkung der Produktion, für Verladung und Absatz verantwortlich ist, wurden sehr weit gesteckt. Die DKBL erhielt Vollmacht, den Betrieben und Organisationen des Bergbaues Weisungen zu erteilen, ihrerseits Maßnahmen zu treffen, um die Leistungsfähigkeit zu sichern, zu verbessern, die Finanzen zu überwachen, Kredite zu vermitteln, Statistiken zu erheben, Wohnungsbau und Forschung zu fördern, Arbeitskräfte anzuwerben, Arbeitseinsatz, Löhne und soziale Wohlfahrt zu bearbeiten.