Von Christian E. Lewalter

Bei uns Deutschen gilt angesichts einer ungewöhnlichen Erscheinung des geistigen Lebens so etwas wie eine unverbrüchliche Pflicht: entweder „dafür“ oder „dagegen“ zu sein. Kaum ein bedeutender Künstler oder Denker entgeht diesem verbissenen Kampf zwischen Verehrern und Geringschätzern, und mancher schützt die eigene Muße vor dem Getümmel, indem er sich mit einer Art von literarischer Leibwache umgibt. Deren unbeirrbares Hosianna (bestimmt, die „Kreuziget-ihn!“-Schreie der Gegner zu übertönen) erschwert es nicht nur dem Publikum, sondern auch der Kritik, sich unbefangen ein Urteil über den umstrittenen Mann zu bilden.

Im Falle Ernst Jünger wird die Situation noch dadurch bis zur Ärgerlichkeit kompliziert, daß dieser Autor sich, von Werk zu Werk anderen Strahlungen ausgesetzt, im Zustand unablässiger Wandlung befindet, so daß er jedesmal, wenn er in der Öffentlichkeit das Wort nimmt, von anderen Dingen spricht als von denen, über die sich die Anhänger und die Gegner anläßlich seines letzten Werkes noch streiten, und daß er zu diesen anderen Dingen wiederum unter anderen Aspekten Stellung nimmt als denen, die bisher dazu dienten, ihn, pro oder contra, in bestimmte Fächer einzuordnen. Wie Picasso seinen Nachahmern immer wieder enteilt (und oft nach rückwärts), so springt Jünger gleichsam auf der Straße, die die Anhänger ihm nach- und die Feinde ihm entgegenrücken, gerade in dem Augenblick zur Seite und über die Linie, wo sie beide ihn erreicht zu haben glauben, und zwingt sie, ihren Kurs bestürzt und brüsk zu ändern.

Zu Anfang dieses Jahres erst hat Jünger die Öffentlichkeit mit einer Schrift überrascht („Der Waldgang“), die von manchen Verblüfften als eine Art Flugblatt der Westberliner „Kampfgruppe gegen Unmenschlichkeit“ ausgelegt und durch Unvorsichtige sogar illegal in die Sowjetzone geschickt wurde, um dort den „Waldgang“ (simpler gesagt: das Partisanentum) ohne eigene Gefahr des Absenders anzufeuern. Noch ist das verdutzte Gespräch über die „neue Wendung“ Jüngers nicht verhallt, da erscheint (in diesen Tagen und ebenfalls bei Vittorio Klostermann in Frankfurt a. M.) eine allegorische Erzählung von 108 Seiten „Besuch auf Godenholm“, der abermals vorausgesagt wird, sie werde ein „erbittertes Für und Wider“ entfesseln. Nichts von Politik ist darin, nichts von Leviathan, von Waldgängern und von der Ur-Freiheit des spontan handelnden Menschen. Auch nicht eigentlich eine Fabel, sondern der Bericht von einer Heilung – der Heilung eines Arztes von der Furcht, nicht heilen zu können.

Was hat es aber mit diesem Arzt Moltner auf sich? Er ist nicht ein Individuum mit solchen und solchen Eigenschaften, nicht ein Charakter im Sinne der menschen schaffenden Kunst des Romans (wie denn überhaupt Jünger, wo er erzählt, keine plastischen Menschen bildet). Er ist eine Figur, eine abstrakte Chiffre für einen Typus unserer Zeit: für den im Labyrinth der modernen Wissenschaft gefangenen und verzagenden Lehrer, Arzt, Seelsorger, kurz für den Menschenführer, der in die Krise geraten ist.

Ein neues, vielleicht das schließende Glied in einer Kette von Typen, die Jünger fixiert hat. Sie hob 1920 mit dem Frontsoldaten an, dem der Kampf das zentrale Erlebnis ist, von dem aus er die Welt deutet. Sie wurde 1932 mit dem Arbeiter fortgeführt, dem rein zweckhaft orientierten Funktionär der technisierten Ordnung. Beide Male zeichnete Jünger als einer der ersten, wenn nicht überhaupt als der erste, das Schema einer Realität, die man seinerzeit noch nicht beachtet hatte, die inzwischen aber allgemein geläufig geworden ist. Sein Blick war der des Soziologen, der kühl und unparteilich „wertfreie Wissenschaft“ treibt. Aber der seltsam irritierende, gespannte und explosive Ton verriet, daß der scheinbar nur sachliche Betrachter mit verheimlichter Leidenschaft an seiner Analyse beteiligt war. Als Unterton war ein obstinates und trotziges Ja zu vernehmen – ein Ja nicht zum Krieg oder zur technisierten Ordnung als zu guten und schönen Dingen, wohl aber ein Ja zu dem unabwendbaren Schicksal der abendländischen Kultur, das bessere Welten als die unseres Jahrhunderts wohl denkbar bleiben ließ, aber nicht möglich machte. Aus Jünger erklang, wie aus Oswald Spengler, der amor fati, den Nietzsche verlangt hatte, als letzter kategorischer Imperativ für die moderne Menschheit. Das war der „heroische Realismus“, den Jünger als Tugend unserer späten, Zeit proklamierte – ein Fatalismus, der nicht lähmen, sondern beflügeln sollte, weil es dem Handelnden Auftrieb geben kann, zu wissen, daß er, gegen seine persönlichsten Neigungen, den Willen der Geschichte vollstreckt.

Wie aber, wenn dieser „Wille der Geschichte“ selbst ein Phantom des technisierten Denkens ist? Wenn es, um klar zu sehen, nötig wäre, die Weltgeschichte nicht, wie wir uns gewöhnt haben, als einen einmaligen Verlauf zu denken, der durch Anfang und mitgedachtes oder geahntes, errechnetes oder prophetisch offenbartes Ende bestimmt ist, sondern diesen gewohnten Gedanken gleichsam zu übersteigen und zu erwägen, ob nicht das, was wir Geschichte nennen, nur von unserem, dem abendländischen Verstandesdenken als Prozeß gesehen wird, in Wahrheit aber Kreislauf inmitten kosmischer Kreisläufe ist? Dann wären Fortschritt und Verfall, Aufgang und Untergang nur Schein und sozusagen Ironien eines Geistes, der für die Menschen den grausamen und hinterhältigen Schauprozeß der Weltgeschichte arrangiert, um sie durch Beschäftigung abzulenken und aus dem Gros der in ihre Taten Verstrickten (der „Mauretanier“) die wenigen auszulesen, die erkennend und nichts als erkennend bis „in die unbewegte Mitte des rasenden Zeitrades“ vordringen.