Der Vorstand der Industriegewerkschaft Chemie hat „schärfste Verwahrung“ gegen den Aktienumtausch und die Wiederzulassung der I.G.-Farben-Aktien zum Börsenhandel eingelegt. Man erhebe, so heißt es in einer Erklärung der I.G. Chemie, nach wie vor Anspruch auf den nach 1945 von den Arbeitnehmern der Werke geschaffenen Mehrwert, dessen Höhe alle kriegsbedingten Verluste decke und das Aktienkapital voll erhalte. Außerdem kündigt die Gewerkschaft „geeignete Maßnahmen“ an, um die Alliierten und die Bundesregierung zu „veranlassen“, die Gewerkschaft, wie versprochen, an der Eigentumsregelung des I.G.-Farben-Vermögens zu beteiligen. – Nicht nur der Ton dieser Erklärung ist denkbar ungeeignet für eine sachliche Behandlung der Frage, sie ist auch inhaltlich falsch. Oder glaubt man bei der I.G.-Chemie im Ernst, daß der „Mehrwert“ von den Arbeitnehmern allein ohne jede Mitwirkung der Leitung des Unternehmens erzielt wurde? Und wer ist überhaupt Arbeitnehmer? Hat der Chemiker, der eine neue Synthese entwickelt, das gleiche Gewicht wie der Handarbeiter? Das Schlagwort vom „Mehrwert, der durch den Arbeitnehmer allein erzeugt wurde“, ist schon seit einem halben Jahrhundert überholt. Heute wissen auch die Arbeiter genau, daß der von allen gemeinsam erarbeitete Mehrwert sich in einem gesicherten Arbeitsplatz und hohen Löhnen am deutlichsten ausdrückt. yd.