Endlich liegen jetzt die Reichsmark-Schlußbilanz und die DM-Eröffnungsbilanz des größten deutschen Industrieunternehmens, der Interessengemeinschaft Farben-Industrie AG. vor, sowie ein ausführlicher Geschäftsbericht bis zum 31. Dezember 1951 über die wirtschaftliche Lage der wichtigsten Nachfolge- und Beteiligungsgesellschaften. Damit ist nach neunjähriger Pause – der letzte Geschäftsbericht des Gesamtkonzerns wurde für das Jahr 1943 veröffentlicht – der Schleier der Ungewißheit mindestens teilweise gelüftet worden. Die vorliegende Publikation ist von der alliierten Tripartite I.G. Farben Control Group verfaßt worden, es fehlen nun noch die Berichte für die Zeit zwischen 1943 und 1947. Man möchte hoffen, daß diese bald nachfolgen, und vor allem, daß die Geschäftsberichte von 1948 bis zur Gegenwart von den Abwicklern in eigener Regie herausgegeben werden. Immerhin ist es nun möglich, einen Überblick zu bekommen.

Der Substanzwert der I.G. Farben wurde während des Krieges auf 5 bis 6 Mrd. RM eingeschätzt, das Aktienkapital betrug 1,4 Mrd. RM. Die Höhe der Kriegsschäden ist nie exakt festgestellt worden; einen Anhaltspunkt stellen die Forderungen gegen das Reich in der RM-Schlußbilanz in Höhe von 790,1 Mill. RM dar, denen 354,6 Mill. RM für Ersatzbeschaffung und Kriegsschädenbeseitigung gegenüberstehen. Ungleich schwerer aber hat der Ausgang des Krieges die I.G. Farben betroffen. Die Verluste an Auslandsvermögen in Form von Beteiligungen und eigenen Niederlassungen betragen 1034,8 Mill. RM; im sowjetisch besetzten Gebiet gingen Werte (u. a. Leuna, Schkopau, Bitterfeld) von 1306,2 Mill. RM verloren; im polnisch besetzten Ostdeutschland gerieten 476,2 Mill. und im Saargebiet 0,4 Mill. RM in Verlust. In diesen 2,817 Mrd. RM Kriegsverlusten sind die zahllosen, sehr wertvollen Patente nicht enthalten, deren Werte in Zahlen überhaupt nicht auszudrücken sind und die nur mit 1 RM/DM bewertet werden.

Das verbliebene Reinvermögen ist in der DM-Eröffnungsbilanz mit 1,479 Mrd. DM angegeben, entspricht also dem früheren Aktienkapital des Konzerns. Das AK. ist nicht mehr neu festgesetzt worden; erst die Nachfolgegesellschaften werden ein Aktienkapital ausweisen. Auch in der neuen Bilanz dürften noch stille Reserven enthalten sein, da die aus der Vorkriegszeit bekannte vorsichtige Bewertungspolitik im Rahmen der gesetzlichen Vorschriften auch in der DM-Eröffnungsbilanz beibehalten worden ist. So sind Grundstücke und Gebäuden mit den auf den Werten von 1935 beruhenden Einheitswerten eingestellt worden, desgleichen sind die Beteiligungen aus naheliegenden Gründen vorsichtig bewertet. Unverständlich erscheint, warum in der RM-Schlußbilanz über 500 Mill. RM flüssige Mittel erscheinen, denen Verbindlichkeiten aus der Zeit vor dem 5. Juli 1945 in Höhe von 1,27 Mrd. DM gegenüberstehen. Es ist kein Ruhmesblatt der alliierten Geschäftsführung, daß diese hohen Barbestände der Währungsreform anheimfallen mußten, anstatt teilweise zur Abdeckung der alten Verbindlichkeiten herangezogen zu werden. Diese müssen jetzt – wenn auch auf 141,68 Mill. DM abgewertet – mit D-Mark bezahlt werden.

Der Verlust des Konzerns wird in der RM-Schlußbilanz mit 545,3 Mill. RM angegeben. Nach der Währungsreform hat dann, wie aus dem Geschäftsbericht hervorgeht, eine beträchtliche Steigerung der Umsätze stattgefunden. Die drei großen Nachfolgegesellschaften, die Farbenfabriken Bayer einschl. Agfa-Leverkusen, die Badische Anilin & Sodafabrik und die Farbwerke Hoechst einschl. der Werke Griesheim, Offenbach, Gersthofen, Bobingen, Marburg und der Knappsack-Griesheim AG. hatten 1949 einen (hier zusammengezogenen) Umsatz von 995,2 Millionen DM, der sich 1950 auf 1,517 Mrd. und 1951 auf 2,207 Mrd. DM erhöhte. 1950 überschritt die Produktion quantitativ den Stand von 1938, der Exportanteil lag 1951 bei etwa 30 v. H. des Gesamtumsatzes.

Wie der Bericht weiter ausführt, wird das Jahr 1949 voraussichtlich mit einem Verlust abschließen, der jedoch durch einen beträchtlichen Gewinn in 1950 mehr als ausgeglichen werden dürfte. Auch 1951 ist mit einem günstigen Geschäftsergebnis zu rechnen, allerdings werden keine Dividenden verteilt. Die Nachfolge-Gesellschaften dagegen dürften in der Lage sein, ab 1952 eine angemessene Dividende auszuschütten.

Die Zukunft der Nachfolgegesellschaften kann im Hinblick auf die großartigen Aussichten auf dem Gesamtgebiet der chemischen Industrie mindestens als stetig, wenn nicht als günstig bezeichnet werden. Die vorsichtigen Formulierungen des Geschäftsberichtes lassen keinen Zweifel daran, daß die Nachfolgegesellschaften wieder ihren Platz am deutschen Markt und auf dem Weltmarkt erobert haben. Die bewegten Klagen der Imperial Chemical Industries Ltd. (ICI), des führenden englischen Chemiekonzerns, dessen Umsätze für 1951 denen der I.G. Farben vor dem zweiten Weltkrieg entsprechen, bestätigen das recht anschaulich. Die Besonderheiten der chemischen Forschung werden allerdings hohe Investitionen in den nächsten Jahren erfordern, denn es ist ja so, daß die Gewinne aus den Produkten eines neuen Synthese-Verfahrens die Entwicklung der nächsten finanzieren müssen.

Auch die Entwicklung der Beteiligungsgesellschaften der I.G., vor allem der AG. für Stickstoffdünger Knappsack, der Chemische Werke Hüls GmbH., der Duisburger Kupferhütte, der Kalle & Co. AG., Wiesbaden, sowie der Rheinische Stahlwerke AG., fissen, und der Dynamit-AG., Troisdorf, werden durchweg als günstig bezeichnet, so daß in der Mehrzahl eine Umstellung des Kapitals im Verhältnis 1:1 erfolgen dürfte.

Nach der Veröffentlichung der Bilanzen werden die I.G;-Aktien wieder zum Börsenhandel zugelassen werden (vgl. auch Börsenbericht); dieses Standardpapier der deutschen Börsen wird dann hoffentlich zur Normalisierung unseres Kapitalmarktes beitragen. –w.