An den Börsen ist man mehr denn je geneigt, den negativen Seiten der Ereignisse größere Bedeutung zuzumessen als den Vorteilen, die sich aus ihnen ergeben könnten. Daß bei solcher Haltung ein fruchtbares Geschäft nicht gedeihen kann, ist nicht verwunderlich. Die Käuferhalten sich weiter zurück. Daraus ergibt sich zwangsläufig selbst schon bei geringem Angebot eine Rückläufigkeit der Kurse, die in keinem Verhältnis zu den verfügbaren Beträgen stehen. Von den marktpflegenden Instituten wird betont, daß es relativ geringer Mittel bedürfe, um die Kurse zu stützen. Doch hätte man in den letzten Monaten schon sehr viel Material in das Portefeuille nehmen müssen, so daß der Handlungsfreiheit allmählich Grenzen gesetzt sind. Dabei wird mit Recht darauf hingewiesen, daß das Kursniveau jetzt einen Stand erreicht hat, der sich eines Tages – nämlich dann, wenn sich die Großanleger wieder zu Worte melden – als unbedingt aufbaufähig erweisen wird. Wann dieser Zeitpunkt kommen wird, läßt sich bei der labilen politischen und wirtschaftlichen Lage nichtvoraussehen. Bis dahin heißt es, den Markt sorgfältig beobachten, damit der richtige Zeitpunkt zum „Einsteigen“ nicht verpaßt wird.

Im Mittelpunkt der vergangenen Börsenwoche stand die alliierte Freigabe der IG-Farbenaktien zum Börsenhandel. Ihre Wiedereinführung kann nach der Verfügung nach dem 20. Juni erfolgen, doch sind die Bedingungen, die die Alliierten an die Zulassung geknüpft haben, so tiefgreifend, daß dieser Termin zumindest als fraglich bezeichnet werden muß. Die Bestimmung, wonach jeder Besitzwechsel mit Namensangabe einer Umschreibstelle zu melden ist, wird als sehr erschwerend empfunden. Man weist auf den unnötigen bürokratischen Aufwand hin, der sich aus dem Handel mit IG-Farbenaktien in Zukunft ergibt. Die Notwendigkeit einer zentralen Kontrolle ist überdies problematisch. Die Frage nach deren Zweck kann ohnehin niemand beantworten. Als sehr bedenklich wird weiter die Nominierung einer privaten Bank als Umschreiborgan angesehen. Ob. damit das Bankgeheimnis durchbrochen wird, wie verschiedene Seiten betonen, ist eine Frage, die die Börsenvorstände als vordringlich zu prüfen haben werden. Um diesen Vorwürfen von vornherein aus dem Wege zu gehen, wäre es ohne Zweifel besser gewesen, man hätte mit der Umschreibarbeit von der bewährten Einrichtung der Kassenvereine Gebrauch gemacht, die an allen Börsenplätzen reibungslos arbeiten. Auf alle Fälle sollte man im Hinblick auf den künftigen Handel der neuen Montan-Aktien keinen Präzedenzfall schaffen!

An der Züricher Börse, wo die IG-Farbenaktien nur noch zu 100 bis 103 v. H. gehandelt werden, spricht man von einem Einführungskurs von 100 v. H.

Der Kapitalmarktgesetzentwurf der Bundesregierung hat in Börsenkreisen enttäuscht, da er die Arbeit des Scharnberg--Ausschusses nur zu einem geringen Teil berücksichtigt. Hier wird noch mit Abänderungsvorschlägen zu rechnen sein. In der letzten Börsenwoche wurde das geringfügige Angebot in RM-Pfandbriefen zu unveränderten Kursenreguliert. RM-Industrieobligationen blieben gefragt, wobei sich geringe Kursbesserungen ergaben. 4 1/2 v. H. Gelsenberg-Benzin 121 v. H. (plus 5), 4 1/2 v. H. IG-Farben von 1939 III v. H. (plus 3), 4 v. H. Rhenania-Ossag von 1942 „IV“ v. H. (plus 1 1/2). Die Dürener Metallwerke AG gab bekannt, daß sie ab 1. Oktober 1952 den laufenden Zinsendienst für ihre 4prozentigen Obligationen von 1943 wieder aufnimmt.

Auf dem Aktienmarkt ergaben sich bei den Montanen und Kaliwerken Wochen Verluste zwischen 3 und 9 Punkten. Auf dem Kunstfasergebiet trat eine Beruhigung ein, seitdem die Phrix ihr Stillhalteabkommen unter Dach und Fach bringen konnte. Das angebotene Material wurde danach aufgenommen, so daß die Briefkurse nunmehr verschwunden sind. Lediglich die 4 1/2prozentigen Obligationen der Phrix-Werke von 1942 waren selbst zu herabgesetzten Kursen noch nicht absetzbar. Elektrowerke schlossen sich der rückläufigen Allgemeintendenz an und bröckelten um mehrere Punkte ab. Während sich bei den Versorgungspapieren die RWE-Aktien behaupten konnten, gaben HEW weiter nach. Die Aktien der Hamburger Hochbahn profitierten von der anläßlich der kommenden Hauptversammlung in Erinnerung gebrachten 6prozentigen Dividendengarantie. Dadurch ergab sich teilweise eine lebhafte Nachfrage, die den Kurs wieder auf 70 v. H. brachte. Banken waren wie in den Vorwochen weiter vernachlässigt. –ndt.