Nachdem sich sehr schnell herausstellte, daß diese Überzentralisierung, die aus naheliegenden Gründen zur Garantierung der deutschen Reparationskohlelieferungen angewandt wurde, nicht den deutschen Interessen entsprach, war es der Bergbau, der von sich aus eine Auflockerung der Absatzorganisation entschieden vorantrieb. So wurden nach langwierigen Verhandlungen mit den alliierten Kontrollorganen am 1. Januar 1950 der Rheinische Braunkohlenbrikett-Verkauf und der Helmstedter Braunkohlen-Verkauf geschaffen und ab 1. April 1950 der Aachener Steinkohlen-Verkauf sowie am 1. August 1950 der Niedersächsische Steinkohlen-Verkauf. Ferner wurden weitere selbständige Revierverkaufsgesellschaften geschaffen, und zwar in Hessen und Bayern. Die Ruhrzechen schlossen sich freiwillig zum Ruhrkohlenverkauf zusammen; diese Verkaufsgemeinschaft trat jedoch nicht in Wirksamkeit, weil ihr die alliierte Zustimmung verweigert wurde. Die Ruhrkohle wurde von einer Organisation abgesetzt, die den Namen „Deutscher Kohlenverkauf trug. Der DKV – organisatorisch mit der DKBL verbunden – war gleichzeitig Koordinierungsorgan für die Sorten- und verbraucherrichtige Steuerung der Produktion der einzelnen selbständig verkaufenden Erzeugungsgebiete.

Frankreich und die Ruhr

Wenn man den Franzosen nachsagt, daß sie sich mit besonderem Geschick auf dem Parkett der internationalen Politik zu bewegen verstünden, so gilt das ohne Zweifel nur mit einer großen Einschränkung: Die französische Politik hat, soweit sie sich auf das Ruhrgebiet bezog, in den letzten Jahrzehnten keine glückliche Hand bewiesen. Bereits nach dem ersten Weltkrieg glaubte Frankreich, seine wirtschaftliche Position weitgehend dadurch verstärken zu können, daß es seine Hand nach dem Ruhrgebiet ausstreckte, wobei dann die endlosen Regie-Kohlenzüge der Welt sehr schnell den Beweis erbrachten, warum französische Soldaten im Ruhrgebiet stationiert waren. Das ehemalige Rheinisch-Westfälische Kohlensyndikat stand bereits damals gewissermaßen im Mittelpunkt der Auseinandersetzungen zwischen Deutschland und Frankreich. Da es sich dem Zugriff der Franzosen durch Übersiedlung nach Hamburg entziehen konnte, stellte sich sehr bald heraus, daß der Zweck des französischen Einmarsches, die restlose Unterwerfung der Kohlenindustrie an Rhein und Ruhr unter französischen Einfluß, auf lange Sicht gesehen ein Schlag ins Wasser war und sich den internationalen Beziehungen alles andere als dienlich erwiesen. hatte. Unter dem wachsenden Druck, vor allem der öffentlichen Meinung in England, kam es dann zum Abschluß jener Verträge, die durch die Namen Stresemann und Briand charakterisiert wurden und das Ruhrgebiet wieder zu einem freien funktionierenden Bestandteil der europäischen Wirtschaft zum gegenseitigen Wohle machten.

Auch nach dem Ende des zweiten Weltkrieges ist es nicht zuletzt die französische Politik gewesen, die bei internationalen Abmachungen und Verträgen dem Ruhrgebiet gewissermaßen immer eine Ausnahmestellung zuerkennen wollte. Im Zeichen der Montanunion, die den Namen ihres Initiators, des französischen Außenministers, trägt, und deren hohe politische Zielsetzung gerade auch von deutscher Seite, nicht zuletzt von der Großindustrie an Rhein und Ruhr, bejaht worden ist, muß es um so bedenklicher stimmen, daß die jetzt erzwungene Auflösung der gemeinschaftlichen Absatzorganisation des Ruhrbergbaus in erster Linie auf französische Forderungen zurückgeht. Diese kurzsichtige Politik, die leider im Gegensatz zur deutschen Auffassung weniger von einer hohen politischen Zielsetzung als vielmehr von einem gewissen wirtschaftlichen Egoismus beeinflußt ist, setzt das Funktionieren des Schuman-Planes ohne Zweifel in Frage, da sie im Widerspruch zu dem im Schuman-Plan verankerten Grundsatz „gleiches Recht für alle“ steht und den einen Wettbewerbspartner entscheidend zu schwächen droht. Dabei ergibt sich folgende bemerkenswerte Tatsache, daß, während bei uns noch entflochten und dekartellisiert wird, in Frankreich der umgekehrte Weg in der jüngsten Zeit eingeschlagen worden ist, nämlich der Konzentration. Infolge der Verstaatlichung des französischen Bergbaus hat Frankreich eine stabile Absatzorganisation für feste Brennstoffe, die mit einer klaren Regie betrieben wird. Daß es im Falle der Essener Kohlenorganisation anders gemacht werden soll, läßt eindeutig die Absichten erkennen, die üblicherweise mit dem Wort „Schwächung der Konkurrenz“ bezeichnet werden; denn um nichts anderes handelt es sich, wie aus den nachfolgenden konkreten Tatbeständen eindeutig hervorgeht.

Amerikanische Ideologien

Unter ganz anderen Gesichtspunkten als die Franzosen haben die Amerikaner in der Nachkriegszeit das Problem der westdeutschen Montanindustrie zu lösen versucht. Ohne Zweifel ist es vom Morgenthau-Plan bis zum Generalvertrag ein weiter Weg gewesen und ebenso ohne Zweifel hat die amerikanische Politik in den dazwischenliegenden Jahren außerordentliche Wandlungen erfahren. Dennoch aber bleibt die Tatsache bestehen, daß zumindest in den Köpfen gewisser amerikanischer Deutschlandpolitiker Überreste des geistigen Gedankengutes vom Schlage eines Morgenthau haftengeblieben sind. Die Dekartellisierungspolitik, mit der angeblich bestehende Machtgebilde an der Ruhr beseitigt werden sollen, geht von der irrigen Voraussetzung aus, daß die ehemaligen deutschen Großkonzerne bestrebt und in der Lage gewesen seien, Einfluß auf politische Entscheidungen zu nehmen. In Wirklichkeit haben die großen deutschen Unternehmungen, die sich gegenüber den Mammutkonzernen in Amerika und teilweise auch in England zum Teil geradezu zwerghaft ausnahmen, zu keiner Zeit den Ehrgeiz gehabt, ihrerseits welt- und machtpolitische Einflüsse zu gewinnen. Da es aber offenbar sehr schwer ist, selbst im Zeichen einer auf den Zusammenschluß der freien Völker Westeuropas gerichteten Politik gewisse ideologische Vorstellungen auszuräumen, kamen die amerikanischen Dekartellisierungsspezialisten, wenn auch aus völlig anderen Gründen; den französischen Forderungen nach Auflösung der deutschen Kohlenabsatzorganisation noch entgegen. Die Gerechtigkeit gebietet allerdings die Feststellung, daß in einsichtigen amerikanischen Kreisen diese merkwürdige französisch-amerikanische Ideenübereinstimmung keineswegs, ungeteilten Beifall findet; denn die Möglichkeit, daß am End der Entwicklung die von den Amerikanern keinesfalls erwünschte Sozialisierung des deutschen Bergbaus steht, erfüllt heute schon einsichtsvolle amerikanische Kreise mit tiefer Besorgnis, da dieser mögliche Schlußstein der amerikanischen Dekartellisierungspolitik genau das Gegenteil von dem sein würde, was ihre Erfinder bezwecken. Das wiederum zeigt das Beispiel der Verstaatlichung in Frankreich.