Rlt., an Bord M/S „Baidur“, Ende Mai

Es kommt nicht allzu häufig in der deutschen Seefahrt- und Werftgeschichte vor, daß zu offiziellen Probe- und Übernahmefahrten mehr ausgesprochene Landratten als Seeratten ein Schiff bevölkern. Emden, der „montane Hafen Nordrhein-Westfalens“, mit dem Revier durch den längst zu klein gewordenen Dortmund-Ems-Kanal verbunden, genießt das „Vorrecht“, recht oft führende Männer von Kohle und Eisen in seinen Mauern und auf seinen Schiffen zu sehen.

Als am 28. Mai der zweite 10 000-t-dw-Erzfrachter der Seereederei „Frigga“ AG., Hamburg, das M/S „Baldur“, aus den Händen der Bauwerft, der Nordseewerke Emden GmbH., Emden, übernommen worden war, plätscherten auf ihren stählernen Planken westwärts Borkum an die hundert Vertreter aus dem Land zwischen Ruhr, Lippe und Rhein durchs Huber-Gatt. Viele der montanen Gesichter waren nun wirklich „Kapitäne“. Sie personifizierten nicht nur traditionelle Verbindungen zwischen Kohle und Eisen mit Schiffbau und Seefahrt, sondern auch ein Stück ihrer Liebe zur See als Sinnbild von Welthandel und Großraumwirtschaft.

Im Hafen Emden, der jährlich seine 5,5 Mill. t umschlägt, dominieren in der Einfuhr die Erze aus Südeuropa, Skandinavien und Afrika, Getreide aus Übersee, Holz aus Skandinavien und Kanada. Und vom Ausfuhrumschlag stehen Ruhrkohle und Ruhrkoks, Eisen und die Düngemittel der Großchemie mit den Bestimmungsorten in Skandinavien, Südeuropa und Übersee im Vordergrund. 50 v. H. der westdeutschen Hütten werden von diesem Platz aus mit Erz versorgt; 75 v. H. aller im Hafen Emden umgeschlagenen Güter gehen auf dem Dortmund-Ems-Kanal südwärts oder nordwärts.

Einst der bedeutendste (und älteste) Platz des deutschen Heringsfanges; hat Emden in den letzten Jahrzehnten seine Werftkapazität ansehnlich gestärkt. Die Nordseewerke Emden GmbH. steht heute mit 240 000 t dw Auftragsbestand an dritter Stelle der deutschen Werften, nach Howaldt und Deutsche Werft. Aber hier wird zu 80 v. H. für deutsche Reeder gebaut; hier wird wirklich Entscheidendes für die Wiederherstellung der deutschen Seeschiffahrt getan. 19 Motorfrachter und vier Motortanker zwischen 5100 und 16 500 t dw stehen in den Auftragsbüchern. Bis zum Ausbruch des Krieges liefen von den Helgen der Nordseewerke etwa 200 Schiffe; seit Kriegsende sind es schon wieder 15 mit rund 75 000 t dw.

Die wirtschaftlichen und ideellen Bande zwischen Revier und Küste sind vielfacher Natur. Die in wenigen Tagen anlaufenden Ruhrfestspiele des Deutschen Gewerkschaftsbundes werden ihrerseits an diese „Ehe“ erinnern. Die enge Verbindung zwischen dem Hause Stinnes und der Seefahrt kennt jeder. Die schwarzweißrotschwarze Flagge mit gekreuztem Hammer und Schlägel, das Zeichen der Stinnes-Reedereien, kreuzt längst wieder durch die Meere. Die Reederei „Frigga“ mit ihrem weißen Kreuz, dem roten „F“ und blauem Feld erweitert das montane Flaggenbild auf See mit ihren Neubauten und Nachkriegsankäufen. Diese Reederei ist eine Gemeinschaftsgründung des ehemaligen Rheinisch-Westfälischen Kohlensyndikats, der Hoesch AG., Dortmund, der Vereinigte Stahlwerke AG., Düsseldorf, und der WTAG (Westfälische Transport-AG.), Dortmund, aus dem Jahre 1920. Die Nordseewerke Emden GmbH, dagegen gehört voll zum Besitz der Vereinigte Stahlwerke AG und wird im Zuge der Entflechtung in einer neuen Maschinenbaugruppe (also mit Hanomag, Hannover, Bergische Stahl, Remscheid, Union-Brückenbau, Dortmund, und anderen) zusammengefaßt. Bei der Werft wie bei der Reederei bestechen ungebrochener Wille, optimistische Unternehmer-Initiative und die Balance zwischen Wagemut und Risiko, Tempo und Fundamentierung des eigenen Wiederaufbaues: echter Montangeist und rechte Kapitänsgesinnung.