ww Baden-Baden, im Juni

Auch in diesem Jahre war das liebenswerte Baden-Baden längst charmant im vorsommerlichen Kleid prangend, das Ziel der Mitglieder des Verbandes der Automobilindustrie e. V., um über die vergangene Entwicklung und die künftigen Möglichkeiten zu beraten. Die Wiederwahl des Vorstandes mit seinem Vorsitzenden Thoennissen war ein Beweis des Vertrauens, das die 251 Mitglieder des VDA ihrer Verbandsleitung entgegenbringen. Für den verstorbenen Generaldirektor Dr. Haspel der Daimler-Benz AG. wurde sein Nachfolger, Generaldirektor Wagner, in den Vorstand berufen.

Den Vorbesprechungen der einzelnen Herstellergruppen „Teile und Zubehör“, „Anhänger und Aufbauten“ sowie „Kraftfahrzeuge und Motoren“ folgten die Mitgliederversammlung und eine öffentliche Tagung. Letztere erhielt ihren besonderen Wert durch eine mit ungewöhnlich starkem Beifall aufgenommene Rede des „fliegenden Paters“ Paul Schulte, der mit viel Humor und Verständnis um die menschlichen Dinge von seinem Wagnis berichtete, katholische Missionare, im Urwald und in den Zonen des Eismeers zu motorisieren, um Kraftfahrzeug und Flugzeug in den Dienst der Nächstenliebe zu stellen. Der erreichte Erfolg gab ihm den Mut, in den Nachkriegsjaihren nun auch (übrigens mit gleichem Erfolg) die Motorisierung der katholischen Seelsorger in Deutschland anzubahnen, womit sich nicht vermeiden ließ, daß Pater Schulte zu einem der besten Kunden der Automobilindustrie wurde. Nach dem „fliegenden Pater“ nahm der Bundesverkehrsminister das Wort, um in längeren Ausführungen seine Gedanken über die künftige Entwicklung der Unteilbarkeit des Verkehrs darzulegen. Wer. allerdings erwartet hatte, daß sich Dr.-Ing. h. c. Seebohm vor diesem erlesenen Forum der Automobilbau-Experten in der Hauptsache mit Fragen des Kraftfahrzeugverkehrs beschäftigen würde, sah sich enttäuscht. Es gab eine Reihe scharfer Seitenhiebe gegen die Bundesbahn, der er den (ohne Zweifel unberechtigten) Vorwurf machte, in den letzten 25 Jahren der Elektrifizierung nicht die notwendige Aufmerksamkeit geschenkt, die Entwicklung des Schienenomnibusses unterschätzt und die Schaffung von Autobahnhöfen in unmittelbarer Nähe der Güterbahnhofe übersehen zu haben, zumal gerade die Bildung und Auflösung von Transporten – im Gegensatz zur Bahn – beim Lastkraftwagen sehr billig ist. Recht intensiv befaßte sich Dr. Seebohm mit dem künftigen deutschen Luftverkehr und vor allem mit den Möglichkeiten des Ausbaus der deutschen Linienschiffahrt. Sie ist für unsere Exportindustrien eine unbedingte Notwendigkeit und nicht zuletzt eine der besten Devisenbringerinnen: jede Bruttoregistertonne fährt monatlich 50 bis 60 $ ein!

Der anläßlich der VDA-Mitgliederversammlung von Dipl.-Ing. Vorwig erstattete Jahresbericht befaßte sich eingehend mit der Marktlage und kam zu der Folgerung, daß nach der rückliegenden Verknappung der Rohstoffe jetzt wieder mit einem langsamen Anstieg der Produktion und auch der Absatzmöglichkeiten gerechnet werden kann. Als Beweis hierfür führte er die selbst in Deutschland spürbaren Entspannungszeichen bei der Eisen- und Stahlversorgung, die nach oben zeigende Entwicklungskurve der Investitionsgüterindustrien und schließlich die steigende Aufnahmefähigkeit des deutschen Marktes für Kraftfahrzeuge an: Während in Großbritannien sich statistisch 15 Einwohner ein Kraftfahrzeug „teilen“ (in der Schweiz sind es 21, in Belgien 18, in Frankreich 16), kommt in Deutschland ein Kraftfahrzeug erst auf 41 Einwohner! Mit ihren 150 000 Beschäftigten (= 2,8 v. H. der Gesamtindustrie) nimmt die Automobilindustrie im Rahmen der deutschen Volkswirtschaft eine wichtige Schlüsselposition ein, denn einschl. der Zulieferindustrie beträgt die Zahl der Beschäftigten rund 1 Million. Der Umsatz der Kfz-Industrie mit 3,6 Mrd. im Jahre 1951 enthält daher auch Vorleistungen fast aller Industrien. Allein bei Walzmaterial beläuft sich der Anteil der Automobilindustrie auf 7 v. H.

Dipl.-Ing. Vorwig schätzt den Devisenerlös der Kraftfahrzeug- sowie der Teile- und Zubehör-Ausfuhr in diesem Jahre auf rund 900 Mill. DM. (1948: 50 Mill. DM; 1951: 750 Mill. DM). Mit Nachdruck wurde bei dieser Gelegenheit die Forderung nach einer wirksamen steuerlichen Exportförderung erhoben, und man bedauerte, feststellen zu müssen, daß das Finanzministerium offenbar wenig Verständnis für diese Notwendigkeit aufbringt. Leider halben auch andere wichtige Exportindustrien Anlaß zur Klage. Sollte nicht allein schon die Tatsache, daß der Kampf um die Exportmärkte immer härter zu werden verspricht, die erwünschte steuerliche Exportförderung beschleunigen können?