Rlt., Düsseldorf, Anfang Juni

Was im Frühjahr 1952 noch falsch gewesen wäre – nämlich ein abrupter Übergang von der straffen Regelung des Eisenmarktes zur Lenkungs- und Preisfreigabe – dürfte im Sommer oder Herbst dieses Jahres richtig werden. Zwar zeichnen sich noch durchaus gute Konjunkturverhältnisse im internationalen Eisen- und Stahlgeschäft ab. Aber es sind doch schon so merkbare Auftragsrückgänge und so fühlbare Erleichterungen in der Dringlichkeit der Aufträge festzustellen, daß von einer gewissen Beruhigung des internationalen Eisen- und Stahlgeschäftes gesprochen werden kann. Auf der Ende voriger Woche durchgeführten Jahrestagung der Gruppe Walzstahl in der Wirtschaftsvereinigung Eisen- und Stahlindustrie würde sogar berichtet, der Eingang von Exportaufträgen habe in mehreren Produkten so stark nachgelassen, daß eine gesicherte Export-Beschäftigung für die deutschen Walzwerke nicht mehr gewährleistet sei. Auswiesen und anderen Gründen forderte die eisenschaffende Industrie von dem anwesenden Bundeswirtschaftsminister Freigabe der Eisenpreise, wesentliche Lockerung der Lenkungsmaßnahmen und Freiheit in der Hereinnahme von Auslandsaufträgen. (Letztere sind auf monatlich 70 000 t durch Erlaß des BWM beschränkt.)

Daß der Bundeswirtschaftsminister über dieses offene Bekenntnis zu seiner – Politik nicht wenig überrascht war, ist verständlich. Die Eisen- und Stahlwirtschaft hat aber mit dieser Forderung den Beweis für die Ehrlichkeit ihrer Gründe aus dem vergangenen Winterhalbjahr erbracht. Die doktrinären Vertreter der freien Eisenpreise hatten im Frühjahr der Industrie recht leichtfertig vorgeworfen, sie wolle nur die Wirtschaftspolitik torpedieren, sich im Festpreis- und Lenkungs-System risikolos hochpäppeln und einem falschen Kartell-Idol folgen. Daß die Eisenwirtschaft die Bremse an der allzu schnellen Fahrt zum freien Eisenpreis jedoch nur angezogen hatte, weil sie weder die Marktsituation noch die innerpolitischen Verhältnisse für günstig hielt, wollten damals nur wenige glauben.

Jetzt erklärte Gerhard Bruns, Vorstandsmitglied der aus der Gutehoffnungshütte ausgegliederten Hüttenwerke Oberhausen AG, als Vorsitzer der Gruppe Walzstahl: Ziehen wir die Bilanz der bisherigen Lenkungsmaßnahmen, so ist festzustellen, daß durch diese Maßnahmen die Inlandsbelieferung mit Walzstahl jenes Ziel erreicht hat, das uns noch vor einem Jahr erforderlich schien, um die Eisenlenkungsmaßnahmen zu vermeiden oder wiederaufzuheben.

Da bedeutet in Ziffern: Monatsleistung an Walzstahl 1950 rund 562 000 t, 1951 monatlich rund 688 000 t, April 1952 rund 726 000 t oder 30 v. H. mehr als 1950. Beim größten Engpaßprodukt Grobblech ist die inzwischen überhaupt erzielbäre Höchstziffer mit monatlich 96 000 t im April 1952 erreicht gegen 53 000 t in 1950 oder 85 v. H. mehr!

Seitdem die Schrottsituation keinerlei Sorgen mehr bereitet und in der Brennstoffversorgung vielleicht die noch notwendigen Besserungen erreichbar sind, ferner gewisse Investitionen in den Stahlwerken, vor allem auch bei Blech, im späteren Verlauf dieses Jahres günstige Wirkungen aufzeigen werden, hat sich der Walzstahlverband zu der offiziellen Aufforderung an den Bundeswirtschaftsminister entschlossen, „die Gefahr der Strangulierung des Marktes durch die Lenkungsmaßnahmen zu beenden, die Politik der leichten Hand wiedereinzuführen und gegebenenfalls durch den Preis den Markt wieder in Ordnung zu bringen“.

Diese klare Aufforderung hat der Bundeswirtschaftsminister mit sichtlichem Behagen aufgegriffen. Er hat seine Partner aus den verflossenen monatelangen Gesprächen aufgefordert, „sich sehr schnell mit ihm zusammenzusetzen, um über die Preise zu sprechen“. Erhard meinte, daß auch in den USA die Bewirtschaftungsmaßnahmen mehr oder weniger versagt hätten und der Trend der internationalen Stahlpolitik mehr in Richttung einer größeren Auflockerung gehe. Und er setzte noch eine sehr bedeutsame Erklärung hinzu; „Auch die alliierten Hemmungen und Produktionserschwerungen für die deutsche Stahlwirtschaft fallen über kurz oder lang in sich zusammen.“