Der Steinkohlenbergbau an der Ruhr kann im Gegensatz zur Auffassung ausländischer Dekartellisateure – die hier um jeden Preis das durchführen wollen, was sich in USA als nicht möglich erwiesen hat – nicht mit einer Autofabrik verglichen werden. Hier sind die von der Natur gegebenen Lagerungsverhältnisse entscheidend und nicht Methoden der Fließbandfertigung. Die Kohlen können nicht nach Marktbedürfnissen gewonnen, sondern müssen so abgebaut werden, wie sie anstehen. Es war das Ziel des 1893 mit dem Sitz in Essen geschaffenen Rheinisch-Westfälischen Kohlensyndikats, das unterschiedliche Aufkommen von Sorten mit den Marktbedürfnissen in Übereinstimmung zu bringen und einen ruinösen Wettbewerb, auch zur Vermeidung sozialer Spannungen und gleichzeitig zur Erhaltung der Substanz, zu verhüten. Zwischen der unterschiedlichen Struktur der Zechen und den weitgehend voneinander abweichenden Marktbedingungen mußte der notwendige Ausgleich hergestellt werden.

Die damalige Absatzorganisation wurde in einer Zeit tiefer wirtschaftlicher Depression auf freiwilliger Grundlage geschaffen, um dem Bergbau in seinem Bestand vor den verhängnisvollen Folgen eines hemmungslosen Wettbewerbs der Bergwerksgesellschaften untereinander durch Stabilisierung der Verkaufspreise auf maßvoller Höhe, den Selbstkosten angepaßt, zu sichern. Diese Aufgabe wurde mit einem solchen Erfolg gelöst, daß im Kohlenwirtschaftsgesetz von 1919 die Bildung ähnlicher Einrichtungen für alle anderen deutschen Bergbaureviere gesetzlich festgelegt wurde. Dieses Gesetz ist seitdem von allen deutschen Regierungen der verschiedenen Richtungen aufrechterhalten worden. Trotz aller Beweise für die Notwendigkeit einer funktionierenden Absatzregelung wird nunmehr auf Grund der alliierten Anordnung Nr. 17 ein Organ zerstört, das, gleichzeitig in den Dienst der Hohen Behörde des Schuman-Plans gestellt, wesentlich eine auskömmliche und gleichmäßige Bedarfsdeckung auf dem europäischen Einheitsmarkt bewirken kann. Ohne die bewährte Marktordnung an der Ruhr ist nicht nur der Erfolg des Schuman-Plans in Frage gestellt, sondern der Plan selbst gefährdet. Die sozialen Folgen eines ungehinderten Wettbewerbs und die Tragweite der alliierten Anordnung sind im einzelnen noch nicht zu übersehen. Die Sicherheit der Bergarbeiter wird, wenn die Existenzgrundlagen des Bergbaus berührt werden, gefährdet. Damit ergeben sich Probleme für den Bergarbeiternachwuchs. Die europäischen Aufgaben verlangen jedoch keine Beeinträchtigung der Produktion, sondern im Gegenteil eine starke Förderung.

Von Essen aus bietet sich die Lösung der gesamteuropäischen Marktversorgung

Nicht durch die Ideen von Wettbewerbstheoretikern oder noch weniger durch politische Ressentiments können die europäischen Aufgaben gelöst werden, sondern nur durch Konzeptionen, die auf der Grundlage der Gleichberechtigung beruhen. Für die Lösung der europäischen Aufgaben ist kaum von einem Land in der Nachkriegszeit so viel an Vorleistungen erbracht worden wie von der westdeutschen Bundesrepublik. Die Wirtschaft an der Ruhr hat trotz außerordentlicher wirtschaftlicher Opfer und Gefahren, die mit der Durchführung des Schuman-Plans verbunden sind, diese übernationale europäische Konzentration mit gefördert. Die schwerwiegenden Bedenken, die sich vor allem für den Ruhrkohlenbergbau ergeben, sind zugunsten der europäischen Konzeption zurückgestellt und vor allem von Essen aus positive Vorschläge für die europäische Zusammenarbeit gemacht worden. Aus dieser Einstellung heraus ist die Ruhr am Funktionieren des Schuman-Planes und einer ausreichenden Versorgung des westeuropäischen Marktes zu billigsten Preisen und zur Erzielung der höchsten technischen sowie wirtschaftlichen Ergiebigkeit interessiert. Daher ist in Essen mit Nachdruck festgestellt worden, daß der Erfolg des Planes durch die diskriminierenden Bestimmungen der zwei Tage vor Unterzeichnung des Generalvertrages erlassenen alliierten Anordnung über die sogenannte Neuordnung des Kohlevertriebs in Frage gestellt wird. Das alliierte Diktat versetzt die westdeutsche Kohlenindustrie auf die Dauer in einen Zustand weitgehender wirtschaftlicher Unsicherheit und gefährdet damit gleichzeitig die notwendige technische und produktive Entwicklung, nicht nur zum Nachteil des Bergbaus, sondern auch der allgemeinen industriellen Beschäftigung in Westeuropa. KIV