Mehr als hundertmal bin ich in diesen 150 Stunden in Madrid den Paseo del Prado, die Gran Via, die Galle de Alcala hinauf- und heruntergelaufen. Nun senkt sich die Nacht über die Stadt. Oben am Königspalast, wo man weit in die graugrüne kastilische Landschaft blickt, konnte man eben noch über dem flutenden, veilchenfarbenen und karminroten Abendlicht das Gold der letzten Sonnenstrahlen an den Zacken der Guadarrama hängen sehen. Nun weht wieder der frische belebende Nacht wird von den Bergen. In den Kolonnaden der Plaza Mayor nistet schummriges Dunkel. Aus dem Seiteneingang des fashionablen Palace Hotel kommen die letzten verspäteten Five-o’clock-tea-Gäste, bestaunt von einer geduldig wartenden lebenshungrigen Menge, und nur hundert Schritte davon drängt sich auf der nachtdunklen Straße eine Menschenschlange zum hellen Portal der Iglesia de Jesus, windet sich durch das lange Kirchenschiff langsam vorwärts, bewegt sich eine Treppe hinauf zu einem berühmten Andachtsbild des Heilandes, um sich betend auf den Sonntag vorzubereiten.

In dieser Nacht wartet mein Freund, der Sereno, vor der Hoteltür schon auf mich. Man braucht nur in die Hände zu klatschen, dann kommen diese Nachtwache haltenden Männer Madrids, die den Hausschlüssel ersetzen; oder sie kommen auch nicht. Denn manchmal machen sie gerade ein Nickerchen an dem nächsten bequemen Mauervorsprung. Ertönt aber das eilfertige Ticken ihres langen Stabes, so haben sie das Klatschen gehört. Sie kennen ihre frühen und späten Kunden; sie wissen, wer spät schlafen geht und wer früh aufsteht; sie wissen so ziemlich alles, was in den Straßen und Gassen passiert und sind den Bewohnern liebe, vertraute Helfer und einem autoritären Regime, das gern über seine Schäflein Bescheid weiß, eine bequeme Nachrichtenquelle.

*

Sonntagmorgen in Madrid. Schwarze Menschenströme bewegen sich in die Kirchen. In allen Häusern putzen sich die Menschen, um auf die Straßen, Promenaden, Parks und Plätze zu eilen. Unterwegs, in der Calle de Atocha in der Alt- – Stadt, treffe ich eine Prozession: kleine Mädchen mit Blütenkränzen im Haar, die über ihre bis zur Erde wallenden weißen Kleidchen stolpern, Meßknaben, vier Männer mit einem Baldachin, eine geschlossene Karosse, ein paar Frauen. Scheppernder Gesang mit halb gelungenen Tönen. Ein Teppich wird ausgebreitet, der Baldachin hochgehalten. Drei Geistliche steigen aus der Karosse und wandern zu Fuß in der Prozession weiter, überqueren die Straße, betreten ein Haus. An den Balkons der Nachbarhäuser drängen sich Menschentrauben, geputzte Frauen, halbrasierte Männer in Hosenträgern. Unten die Straße ist wieder leer. Noch herrscht die sonntägliche Morgenstille.

Auf dem Rastro und in der eleganten Serrano, zwei Punkten Madrids, so verschieden wie Tag und Nacht, kann man in den Sonntagvormittagsstunden etwas Besonderes sehen, aber man darf nicht zu spät nach Beendigung des Gottesdienstes kommen. „Wenn Sie glauben, der Rastro, dieser Trödelmarkt, wäre typisch für Madrid, dann irren Sie sich“, hatte ein allzu stolzer Spanier mit harter Abwehr zu mir gesagt. „Wenn Sie sich dort gut umsehen, können Sie in den Antiquariaten wertvolle Gegenstände aus dem beschlagnahmten und verschleuderten deutschen Eigentum finden“, informierte mich ein Artgenosse der deutschen Kolonie. Bude stößt an Bude auf der abschüssigen Plaza de Cascorro am Denkmal von Gonzalo, und an den Ständen und auf Tüchern an der Erde ausgebreitet findet sich alles, was käuflich ist auf diesem „Friedhof der Dinge, von denen Menschen sich trennen und die andere suchen“. Hier quirlt, feilscht, schreit und scherzt das kleine Volk aus dem alten Madrid, ebenso temperamentvoll, aber mit viel mehr Würde und Zurückhaltung als in Neapel, wo jeder Verkäufer – wie ein Spötter sagte die Hände in den Taschen des Fremden hat. Die glutäugige Frau, die am schrillsten in den sonnenheißen Sonntagstrubel schrie, war über und über mit Miniaturvogelkäfigen behängt. Sie hat mir eine Grille verkauft, die hinter den winzigen Stäben auf einem Salatblättchen saß. Sie saß dort lange reglos und schwieg. Aber spät in der Nacht, als es höchste Zeit zum Schlafen war, zirpte sie wieder.

Auf der Serrano, der vornehmen Straße mit den elegantesten Geschäften, trifft sich am Sonntagvormittag zum Aperitif, wer etwas auf sich hält. Hübsche Bürgertöchter zu zweit und zu dritt nippen kichernd ihren Jerez. Schöne Damen erfolgreicher Herren, geschmückt wie Paradiesvögel, aber um einige Grade dezenter und zurückhaltender gekleidet als in Paris oder Rom, tragen das Vermögen der Gatten zur Schau. Manchmal muß man im Gewoge der Menschen den Schritt einhalten, weil die Familie A, drei Personen, mit feiertagsvergnügtem Händeschütteln die Familie B, fünf Personen, begrüßt oder der Herr Advokat in grauem Flanellanzug unternehmungslustig Anstalten macht, mit gewinnend breitem Lachen und ausladender Geste in der brausenden Menschenflut den Hut vor Señora Jimenez zu schwingen, die mit geübtem Augenaufschlag reagiert. „Buenos Dias, lieber Louis. Liebling, ich stelle dir den berühmten Advokaten Ballesteros vor.“ „Ah, Señor Ballesteros, ich bin glücklich, Sie kennenzulernen. Ich habe schon so viel von Ihnen gehört.“

Auf der anderen Ecke der Plaza de la Independencia, in der Calle Alfonso XII bei „Horcher“, nimmt die feine Welt das Mittagessen ein. Hier wird jede Mahlzeit zelebriert wie einst in der Martin-Luther-Straße in Berlin. Das Publikum ist ebenso, vielleicht noch internationaler, aber typisch für Madrid, ist es nicht.