Die Sowjetunion hat ein Revirement auf politischen Posten erster Ordnung vorgenommen. Der zum stellvertretenden Außenminister aufrückende Puschkin in Ostberlin wurde durch Iljitschew ersetzt, Zarubin verläßt London, um den Botschafterposten in Washington zu übernehmen, während über die weitere Verwendung Panjuschkins, der in den letzten fünf Jahren die schwierige Aufgabe hatte, sein Land in Washington zu vertreten, noch nichts bekannt ist.

Veränderungen in der Sowjetdiplomatie dürfen nicht zu weitgehenden politischen Schlüssen verleiten. Sowjetische Diplomaten sind kaum mehr als Briefträger des Moskauer Außenamtes. Immerhin müssen Gründe für das Revirement vorliegen. Die Vereinigten Staaten haben vor kurzem mit George Kennan ihren ersten Rußlandkenner nach Moskau entsandt. Es ist zu vermuten, daß die Sowjets sich durch die Besetzung des Washingtoner Postens mit einem Experten der angelsächsischen Welt revanchieren wollen. Zarubin, der im Gegensatz zu Panjuschkin geläufig Englisch spricht, gilt in Moskau als ein solcher Experte. Panjuschkin hat sich dagegen auf Fragen des Fernen Ostens spezialisiert, auch neigt er mehr zu der konzilianten Malikschen Art, die den Sowjets im Verkehr mit den Amerikanern wohl nicht mehr passend erscheint.

Mehr „Hintergrund“ scheint der Wechsel in Berlin zu haben. Iwan Iwanowitsch Iljitschew, der Außenwelt kaum bekannt, von Haus aus Generalleutnant und nicht Diplomat; war bisher der Stellvertreter des Botschafters Semjonow, der den politisch unbehauenen General Tschuikow berät. Praktisch ist damit der sowjetische Botschafterdualismus in Ostberlin beseitigt. Mit dem Referat „Westdeutschland“, das Iljitschew bisher betreute, wird er auch in seiner neuen Funktion stark beschäftigt sein. Semjonows Konzeption der Neutraliserung Deutschlands bleibt also weiter Generallinie des Kremls.

Aber Puschkin ist deswegen nicht in Ungnade gelallen. Er ist Spezialist für Bolschewisierungsprozesse in Satellitenländern. In Budapest und Pankow hat seine Wirksamkeit nicht mehr zu verwischende Spuren hinterlassen. Wenn er heute die Zahl der Vizeaußenminister in Moskau vermehrt, so könnte diese Ernennung darauf hinderten, daß nach den Vorgängen in Rumänien, und der Tschechoslowakei die Sowjets eine stärkere Kontrolle und Abhängigkeit der Volksdemokratien von der Moskauer Zentrale für notwendig halten. H. L.