Wer die Landschaft des Ruhrgebietes nicht kennt, hält sie für eine Ausgeburt der Scheußlichkeit – Schlot an Schlot und Förderturm an Förderturm. Und wer nicht weiß, daß es vor der Ära der Industriebauten schon eine Baukunst gab, ist erstaunt, mitten zwischen Stahl und Eisen zwei der ältesten Münsterkirchen Deutschlands zu finden, beide bereits in karolingischer Zeit gegründet: Werden als Benediktiner-Kloster im Jahre 796 durch den hl. Ludger, Apostel des Münsterlandes, der hier auch begraben liegt; Essen wenig später als Kanonissinnen Stift.

Man würde die Landschaft ihres Schönsten berauben, nähme man sie als Ding an sich, ohne Beziehung zu den Werken der Menschen. Denn erst die architektonischen Werke ergeben als weithin sichtbares, vertikales Merkzeichen im Verein mit Bergen und Hügeln den wahren Maßstab der horizontal gelagerten Natur. Sie sind überdies die ehrfurchtgebietenden Zeugen einer nun schon tausendjährigen Geschichte, und wenn auch der wundervolle Oktogonturm des Essener Münsters mit seinem feierlichen romanischen Ernst keine echte Umgebung mehr hat, so soll doch nicht vergessen sein, daß von hier aus 900 Jahre lang die Fürstäbtissinnen die kleine Landstadt und ihre Umgebung regierten; lange bevor Krupp kam, um aus Essen etwas Weltberühmtes zu machen, und die Äcker in Fabrikhallen verwandelte. Es war dies gewiß nicht sein Absicht, es war die unvermeidliche Folge. Ihm selbst und seinen Nachfahren bedeutete die Natur etwas sehr Wichtiges; man ersieht es dankbar aus der Pfleglichkeit, mit der Villa Hügel, Residenz der Familie Krupp, in die Landschaft des Ruhrtales eingefügt ist. Damals gab es noch nicht den Baldeneysee, der, bei Werden gestaut, die Talsohle als beliebtes Ziel für Ausflüge und Wassersport füllt. Aber es gab damals wie heute die tiefe Girlande von Buchenwäldern, und Krupp war es zu verdanken, daß die südliche Höhe Natur blieb, wo keine Industrie das Bild stören durfte. So ist man zwischen Steele und Werden, ja weiter noch über Kettwig bis nach Mülheim hin mitten in der Natur. Vom Stadtkern bis zum Fluß sind es nur knapp fünf Kilometer in Luftlinie, der Wald reicht bis in die Vorstädte, und in Serpentinen senkt sich die Straße hinab. Von Hochfläche hier bis Hochfläche drüben sieht man das Land in leichten Wellungen sich breiten, dazwischen blitzt hin und wieder eine Kehre des Flusses, und seltsam märchenhaft erscheint auf meilenweite Entfernung das leuchtende Kupferoxyd der achtfach gefalteten Turmhaube von St. Ludger in Werden, einer majestätischen Anlage, die im 13. Jahrhundert nach mehreren Brandkatastrophen aus zwei verschiedenen Kirchen zusammenwuchs, im Charakter noch ganz romanisch, obwohl der Neubau fast ein Jahrzehnt nach dem Kölner Dom begonnen wurde.

Ruhraufwärts, in Wäldern versteckt, liegt das Schlößchen Schellenberg, im Tal, mitten in Steele, das barocke Stifts-Waisenhaus, beide unversehrt, während ruhrabwärts hinter Kettwig aus den satten Uferwiesen sich das zweitürmige Renaissanceschloß Hugenpoet. der Freiherrn von Fürstenberg erhebt, heute der vielbesuchte Zufluchtsort des Museums Folkwang mit seinen Schätzen an französischen Impressionisten.

Auf der Landkarte erscheint die Ruhr wie ein hübsch geschwungener Volant, der einen großen grünen Glockenrock weißblau unterbricht. Dieser Glockenrock vollends, die nördlichen Ausläufer des Bergischen Landes, ist den Essenern ein wahres Paradies, mit der Bundesbahn, mit Autos und Omnibussen schnell zu erreichen. Manche Partien haben hier schon Mittelgebirgscharakter: Hunderte von winzigen Bächen schaffen Hunderte von Tälern* Hunderte von bewaldeten Berghängen, zwischen denen die Orschaften, aufgelöst in einzelne Bauern- und Handwerkskotten, sich gleichsam verstecken. Wolf v. Niebelschütz