Die Elektroindustrie erkannte frühzeitig die Bedeutung der Stadt Essen als Zentrum des Reviers und sämtliche namhaften Firmen der Branche errichteten hier Verkaufsorganisationen. Insbesondere unterhalten die Großfirmen (Siemens & Halske, Siemens-Schuckert, AEG, BBC u. a.) Verkaufs- und Montagebüros mit Hunderten von Belegschaftsmitgliedern. Ihre Aufgabe ist nicht nur der Verkauf der listenmäßigen Erzeugnisse an Handel und Industrie, sondern hauptsächlich die Projektierung und Montage von elektrischen Großmaschinen und Anlagen nach den Wünschen und Betriebsverhältnissen des Kunden, sowie die laufende Instandhaltung und Reparatur derselben. Der Kundenkreis ist vielfältig: Bergbau, eisenerzeugende und -verarbeitende Werke, Kraftwerke, Stromverteiler, Post und Bahn, Metallindustrie aller Art, Textilfabriken, Nahrungs- und Genußmittelhersteller, Brauereien, Verkehrsbetriebe u. a. stellen die verschiedensten Anforderungen – vom kompletten Großkraftwerk bis zum kleinsten Relais.

Die riesigen Schäden in den Anlagen des Bergbaues und der Kraftwerke, die während des Krieges durch Mangel an Pflege und Ersatzteilen, Überbeanspruchung und Kriegseinwirkung verursacht waren, veranlaßten die AEG, nach dem Kriege zwei neue Fabriken in Essen zu errichten. Als erste wurde die Fabrik Altenessen für die Reparatur von Hochspannungsschaltern und Wandlern eingerichtet, deren Erzeugungsprogramm im Zuge einer Umorganisation vor kurzem auf die Fertigung von Schweißmaschinen aller Art von der kleinen Tischpunktschweißmaschine bis zur größten Stumpfschweißmaschine umgestellt wurde. Als zweites Werk wurde bald danach die Fabrik Essen auf dem Kruppgelände in Betrieb genommen, die die Reparatur von Dampfturbinen und Kompressoren sowie den Neubau von Kompressoren macht.

Auf dem Kruppgelände haben sich noch verschiedene andere Betriebe der Elektroindustrie angesiedelt. Die seit fast 50 Jahren bestehende Firma Koch & Sterzel AG fertigte vor. dem Kriege in Dresden mit 1800 Leuten Leistungstransformatoren bis zu 50 000 kVA, Hochspannungs- und Niederspannungs-Meßwandler, Prüfanlagen bis zu 2 1/4 Mill. Volt, Röntgenanlagen und elektromedizinische Geräte. Nach Verlust des Dresdener Betriebes hat die Firma vor zwei Jahren mit einigen alten Spitzenfachleuten, unterstützt von der Essener Industrieförderungsgesellschaft, den Neuaufbau eines Betriebes im Kruppgelände begonnen und fertigt heute schon wieder mit 500 Leuten die altbewährten Erzeugnisse, von denen ein erheblicher Teil exportiert wird.

Das Osram-Leuchtröhrenwerk wurde vor zwei Jahren errichtet. Neben Neon-Reklamebeleuchtungen werden Hochspannungs-Leuchtstoffröhren für reine Beleuchtungszwecke hergestellt, deren Lebensdauer ein Mehrfaches der normalen Glühlampen beträgt und die deshalb bei hohen Innenräumen oder erschwerter Zugänglichkeit bevorzugt werden, weil ein Auswechseln praktisch überflüssig geworden ist. Als weitere Firma befindet sich auf dem Kruppgelände die Elmed-GmbH., die verschiedene physikalische und medizinische Spezialgeräte herstellt. – Durch die bisher genannten Betriebe hat die Elektroindustrie Essens nach dem Kriege einen erheblichen Zuwachs bekommen. Aber auch die alteingesessenen Unternehmen bieten ein vielseitiges Bild.

Die Firmen Funke & Muster sowie Fernsprech- und Signalbaugesellschaft mbH. liefern seit langen Jahren elektrische Signalanlagen für den Bergbau. Elektrotechnisches Kleinmaterial verschiedener Art wird von den Firmen Hinzer & Co., Rüger & Co. sowie Gebrüder Carls hergestellt. Mehrere Betriebe fertigen Zähler- und Verteilungstafeln. Die verschiedenen Betriebe für den Bau von Hochspannungs-Schaltanlagen sind in erster Linie Montagebetriebe, die gelegentlich mit leistungsfähigen Elektro-Installationsfirmen in Wettbewerb geraten.

Die Essener Elektroindustrie bietet also ein vielfältiges Bild und hat sich mit ihren ungefähr 3500 Beschäftigten, von denen übrigens etwa die Hälfte bei der AEG tätig ist, im Wirtschaftsleben der Stadt eine gute Position geschaffen. Bei dem derzeitigen Auftragbestand, den bevorstehenden Aufgaben der Elektrifizierung des Bergbaues und der Eisenbahn und nicht zuletzt der auf der ganzen Welt zu beobachtenden, seit Jahrzehnten konstant bleibenden jährlichen Wachstumsrate der gesamten Elektrowirtschaft ist auch auf lange Sicht mit einer fortschreitenden Entwicklung der Essener Elektroindustrie zu rechnen. Xy