In Rumänien sind in den letzten Tagen große Wandlungen vor sich gegangen. Die geringste davon mag die Übernahme des Premierministerpostens durch den Generalsekretär der KPR, Gheorghiu-Dej, sein. Sein Vorgänger Petru Groza, den man auf den repräsentativen Posten des Präsidenten setzte, hatte bereits seit Jahren nicht viel zu sagen; er war, als Chef einer bedeutungslosen Mitläuferpartei, stets nur ein Aushängeschild der „Volksfront“ gewesen Ein ganz anderes Format hat aber der Sturz Anna Paukers, die aus dem Politbüro der KPR ausgestoßen wurde und nur mehr den Posten des Außenministers behielt. Diese einst mächtigste Frau Osteuropas befindet sich sichtbar auf der Stufenleiter der Ungnade und wurde bereits vom Bukarester Radio und von der offiziellen Parteizeitung Scantea als Deviationistin, ja als kapitalistenfreundliche Gegenrevolutionärin heftig kritisiert. Mit ihr zugleich wurden die stellvertretenden Ministerpräsidenten Luca und Georgescu entlassen, die anscheinend als Sündenböcke dem, Zorn der Bevölkerung über die letzte Währungsreform preisgegeben werden sollen. Im Hintergrund dieser „Regierungsumbildung“ scheint der kommunistische General Bodnaras zu stehen, Mitglied des Politbüros, den man in Bukarest neuerdings für den starken Mann hält.

Säuberungsmaßnahmen größten Stils waren bereits vorangegangen. Am 15. März hatten Miliztruppen in Bukarest die Boulevards Dacia, Panteleimon und die Straßenviertel um den Bahnhof Obor abgesperrt, um nach einem bereits in Ungarn erprobten Vorbild die meisten hier wohnenden Bewohner zu evakuieren. Etwa gleichzeitig mit dieser „Verschickung“ – zunächst in das Lager Ghencea bei Bukarest – war eine generelle Durchkämmung der kommunistischen Partei Rumäniens abgeschlossen worden, die vom Generalsekretär Gheorghiu Dej, dem heutigen Ministerpräsidenten, persönlich geleitet wurde.

Aus einem „Amtlichen Zirkular“ erfuhr man die Resultate: „192 000 Parteimitglieder und Anwärter wurden ausgestoßen, weil sie nur der Form nach Mitglieder waren und sich damit als Nutznießer und Klassenfeinde ohne moralisches Gewissen zeigten und weil sie Parteibefehle einfach ignorierten.“ Unter diesen „Anwärtern“ befanden sich viele „Umerzogene“ und solche, die 1944 als Dissidenten nichtkommunistischer Parteien von dem in Bukarest amtierenden Wyschinski „herzlichst eingeladen waren, am Aufbau des neuen Rumänien teilzunehmen“.

Der ersten Ausweisung aus Bukarest – zunächst getarnt unter der Begründung, „geschlossene Wohnviertel für neue Arbeiter und verdiente Milizsoldaten“ zu gründen – sollten sehr bald generelle im ganzen, Lande folgen. Alle Zellenleiter Rumäniens hatten einen Parteiauftrag in Händen, „Unerwünschte“ der drei, folgenden Kategorien auf schwarze Listen zu setzen: 1; Familien bereits Verurteilter; 2. ehemalige Angehörige des Mittelstandes; 3. ehemalige Zwangsarbeiter. Als Begründung für diese neuerlichen Säuberungen wurde angegeben: „Rigorose Beendigung der seit über einem Jahr anhaltenden Unsicherheit im Lande, verursacht durch passive Resistenz und Sabotage kleiner bewaffneter Trupps im Solde des Westens; Zuführung neuer Arbeitskräfte in Sektoren des rumänischen Fünfjahresplanes, deren Soll bisher nicht erreicht wurde“.

Obgleich Klassifizierung und Begründung unter „Geheim“ nur internen Parteidienststellen bekanntgemacht wurde, war die Öffentlichkeit sehr bald informiert. Aus einer neuen „Arbeitsanweisung“ an die Zellenleiter geht hervor, daß der gefährlichste Teil der Unerwünschten infolge mangelhafter Geheimhaltung inzwischen unter mannigfachen Tarnungen untergetaucht oder geflüchtet ist. Die Flüchtlinge, die in den letzten Wochen durch den Eisernen Vorhang Rumäniens nach Jugoslawien einfiltrieren oder über das Schwarze Meer Istanbul erreichen (wo sich eine Sektion des „Nationalkomitees Freies Rumänien“ befindet), geben über den bislang im Westen stets skeptisch aufgenommenen Widerstand folgende Berichte:

Vom 5. bis 7. Februar 1952 wurde auf den Petroleumfeldern von Ploesti gestreikt, weil der rumänische Staat rückständige Löhne auf Grund der neuen Währungsreform nicht mehr anerkannte. Im gleichen Monat sprengten Saboteure mehrmals die Pipeline, die früher von Ploesti nach Giurgiu ging, durch Zwangsarbeiter demontiert wurde und heute vom Pruth aus bis Odessa läuft (s. Bild S. 18). Anfang März brannten gleichzeitig das Wintersporthotel und die pharmazeutische Fabrik „Nivea“ in Kronstadt ab. Die für die UdSSR arbeitende Konservenfabrik „Fusul“ in Galatz mußte geschlossen werden - die gesamte Belegschaft wurde summarisiert zu zehn Jahren Zwangsarbeit verurteilt–, weil aus der Sowjetunion Massenvergiftungen gemeldet wurden.

Als Zentrum des aktiven Widerstandes wird Siebenbürgen bezeichnet. Um Klausenburg, im Fagarasgebirge westlich Kronstadt, in den Regionen der Francei-Berge und in den bewaldeten Bezirken der Kohlenvorkommen um Petrossani sitzen kleinere Kampfgruppen, die von ehemaligen Offizieren angeführt werden. Genannt werden die ehemaligen Generale Dragalin und Giorgescu, die 1946 noch unter den Sowjets dienten. Diese Gruppen spalten sich – wie überall in den Ländern hinter dem Eiserner Vorhang durch eine rivalisierende Emigration geleitet – in „Liberale“ (etwa Anhänger Manius), „Königstreue“ und „Legionäre“ auf. Infolge der Evakuierungen nimmt die Stärke dieser kleinen Kampfgruppen zu – es scheint, daß sie sich systematisch auf dem Wege über Jugoslawien mit Waffen versorgen. Die rumänische Regierung versucht, ihrer mit folgenden Maßnahmen Herr zu werden: Verschärfte Eintreibung des landwirtschaftlichen Solls, um den Illegalen die Ernährungsbasis zu nehmen, Reiseerlaubnis über 50 km Entfernung nur nach Sondergenehmigung durch die Partei (nicht Polizei), Einsatz eines Sonderkommandos mit Tanks und Flugzeugen zur Säuberung der Partisanengebiete, schließlich die Aussiedlung und Verschickung ganzer Minoritäten.