Deutlicher als alle surrealistischen Alpträume moderner Maler kann das koreanische Gefangenenlager von Koje ein charakteristisches Bild unserer Zeit vermitteln: Sogar hinter Stacheldraht, sogar dort, wo alle miteinander auf die niedrigste Stufe der menschlichen Existenz herabgedrückt wurden, gelten noch die vordergründigen Kategorien unseres politischen Daseins, weil der wirkliche Lebenszusammenhang verlorengegangen ist. Noch in der Gefangenschaft tagen Femegerichte, haben Gefangene Gefangene hingerichtet, fand man eine Gruppe, die von ihren Mitgefangenen in Fesseln gelegt worden war.

Es wäre allzu einfach, wollte man dafür ausschließlich den Kommunismus und seinen Totalitätsanspruch verantwortlich machen. Ansätze dazu findet man überall. Einfach deshalb, weil mit der Preisgabe aller transzendenten Bindungen das Vordergründige, Praktische, Handgreifliche das Entscheidende wird. Fast unbemerkt sind alle originalen Werte zu Derivaten geworden. Es gibt kein Vaterland mehr im echten Sinne; es gibt nur noch die ideologische Gemeinschaft der weltanschaulich Gleichgesinnten.

Es ist also eine Entwicklung, die nicht nur die totalitären Staaten hinter dem Eisernen Vorhang charakterisiert, sondern auch die bürgerliche Welt. Da hat sich in Österreich folgendes zugetragen: Eine Mütterberatungsstelle hatte fahrlässig ein konzentriertes Vitamin-D-2-Präparat in falscher Dosierung ausgegeben. Drei Kinder starben an den Folgen dieser fahrlässigen „Betreuung“. Andere siechten dahin. Die Behörden versuchten, den Fall vor der Öffentlichkeit geheimzuhalten. Aber einer der behandelnden Ärzte erstattete Anzeige, und so kam es zum Prozeß und vor wenigen Tagen zur Verurteilung der Schuldigen. In diesem Prozeß gab der Amtsarzt – befragt, warum er diesen Fall habe vertuschen wollen – als Begründung an, daß „die Interessen des Staates doch über jenen der Rechtspflege stehen“! Gleichzeitig hatte der Ärzteverband gegen jenen Arzt, der die Anzeige erstattet hatte, ein Disziplinarverfahren eingeleitet mit der Begründung, er habe „einen Kollegen in den Beschuldigten-Stand verseht“. Also nicht fahrlässige Tötung sollte geahndet werden, sondern das offenbar viel schwerere. Verbrechen, einen Kollegen zur Rechenschaft gezogen zu haben!

Der Mitmensch, der Nächste, von dem soviel christliche Gleichnisse berichten, existiert nicht mehr, nicht einmal als Annäherungswert; an seine Stelle ist der Genosse in Partei, Gewerkschaft, Klasse oder Gilde getreten. Jeder setzt die Interessen seiner Kategorie in den Mittelpunkt allen Geschehens. Jeder macht aus seiner Lebensanschauung eine Heilsbotschaft, die mit dem hektischen Eifer und der ganzen Unduldsamkeit, die der Mittelmäßigkeit eigen ist, verfochten wird.

Gewiß wird dieser Tatbestand erst in überspitzten Fällen deutlich, aber die Gefahr steckt potentiell in allen Bereichen des modernen politischen Lebens, das ohne jeden Zentralpunkt ist und immer wieder den Charakterzug des Bürgerkrieges annimmt, bei dem sich einer gegen den anderen organisiert. Wenn in München in diesen Tagen der Stadtrat mit 31 gegen 30 Stimmen beschlossen hat, den öffentlichen Beamten und Angestellten, aber nur denjenigen, die Mitglieder einer Gewerkschaft sind, ein halbes Monatsgehalt zusätzlich auszuzahlen, so liegt das auf der gleichen Ebene. Selbst wenn sich diese Maßnahme tarifrechtlich begründen ließe (und was ließe sich nicht begründen?), so bleibt doch das Faktum bestehen, daß die Stadtväter eine bestimmte Kategorie bevorzugen und einen Keil zwischen ihre eigenen Beamten und Angestellten treiben.

Es führt eben immer wieder alles zu der gleichen Erkenntnis: Wenn hinter der Erscheinungen Flucht nichts mehr steht, dann verliert und verwirrt sich im Vordergründigen alles bis zur vollkommenen Sinnentstellung. Den Gewerkschaften geht es dann nicht mehr darum, für die arbeitende Bevölkerung bessere Existenzbedingungen zu schaffen, sondern darum, ihre Mitglieder zu bevorzugen und damit ihre Organisation zu festigen. Dem Führer der Opposition geht es dann nicht mehr darum, konstruktive Kritik an der Regierungspolitik zu üben und auf diese Weise an den Verhandlungsergebnissen mitzuwirken, sondern sein Beitrag erschöpft sich in totaler Ablehnung und in Negierung aller Fortschritte, weil sie ohne ihn zustande gekommen sind. Dann wird jedes Gespräch zur Kontroverse und jede Meinungsverschiedenheit zum Zweikampf auf Leben und Tod.

Kein Wunder, daß Politik, in dieser Form betrieben, allmählich ein Grauen erregt, das immer mehr Menschen abstößt, die erst schmollend beiseite stehen und schließlich nach etwas angeblich Besserem Ausschau halten.