Die Kohleverkokung und die Verarbeitung der Teerprodukte wurde 1810 bis 1830 im wesentlichen in Essen entwickelt. Mit der Kohle der Essener Zechen Sälzer-Neuak ergaben die Versuche, vom Meilerkoks zum Ofenkoks zu gelangen, die besten Erfolge, und diese Versuche stellten damals etwas Einmaliges dar. Söhne alteingesessener Familien wie Huyssen und Grillo hatten wesentlichen Anteil an der Entwicklung des Verkokungsprozesses. Die großen Fortschritte der Kokereibetriebe führten später dazu, diese Werke von der Stadt weg den Zechen anzugliedern. Bochum, Duisburg und Umgebung wurden statt dessen Zentren der Rohteerverarbeitung und der damit zusammenhängenden chemischen Industrien. Essen ist aber mit der technischen Entwicklung auch heute noch eng verbunden. Aus Ingenieurbüros hervorgegangen, domizilieren hier namhafte Firmen für Koksofenbau und des Baues chemisch-technischer Anlagen für die Teerindustrie und die der Großsynthese, wie H. Koppers G.m.b.H. und Didier-Kogag-Hinselmann. Auf dem Gebiet der technischen Öle und Fette ist die Firma Bierhoff & Springorum seit längerem in Essen tätig. Jüngeren Datums ist die 1923 gegründete Roland K.-G. Osthoff & Co. Sie ist durch ihre Asthmamittel besonders bekannt geworden. Außerdem versorgen Filialen der Griesheim A.-G. und ein Azetylenwerk von Linde’s Eismaschinen die Industrie mit den wichtigen Hilfsstoffen Azetylen, Sauerstoff und Wasserstoff.

Das größte in Essen ansässige Werk der chemischen Industrie ist die 1890 von Berlin nach Essen verlegte Th. Goldschmidt A.-G. Die Söhne des Gründers Theodor Goldschmidt, Karl und Hans, wählten Essen als neuen Standort. Hier wuchs das Unternehmen zu Weltruf. Diese Entwicklung verdankt die Firma der erfolgreichen Einführung neuer Verfahren, die in eigenen Laboratorien und Betrieben ausgearbeitet wurden. In Essen begann sie mit der Entzinnung von Weißblechabfällen nach einem von Hans Goldschmidt ausgearbeiteten galvanischen Verfahren. Nach diesem Verfahren arbeiten heute noch kleine Entzinnungsbetriebe in vielen Ländern. Zu Beginn dieses Jahrhunderts ersetzte Godschmidt dieses Verfahren durch solche auf rein chemischem Wege, insbesondere durch eine Entzinnung mit Hilfe von Chlor. Dieser Weg ist dem Elektrolytverfahren überlegen durch bessere Ausbeute und wertvollere Endprodukte. 1913 wurden in Essen 120 000 t Abfälle entzinnt und fast 2500 t Zinn gewonnen. In der ganzen Welt bekannt wurden die von Hans Goldschmidt zu einem technischen Verfahren entwickelten aluminothermischen Reduktionsprozesse. Es werden damit kohlefreie Ferrolegierungen, Ferrochrom-, -vanadin, -titan oder schwer reduzierbare reine Metalle wie Chrom und Mangan gewonnen. Die kohlefreien Ferrolegierungen dienen zur Herstellung von legierten Stählen. Mit Hilfe der bei der Reduktion von Eisenoxyd mit Aluminium entstellenden abnorm hohen Temperaturen wurde das Thermit-Schweißverfahren entwickelt. Ludwig Schertel