Noch im Beginn des Jahrhunderts wäre es einem anachronistisch vorgekommen, wenn man etwa in Hamburg in einem „Güldenen Roß“ oder in London in einem „Wildschweinskopf“ oder in Paris im „Rotkäppchen“ abgestiegen wäre, Hotelnamen, die Chroniken und Reiseberichte in jenen Städten festgehalten haben. Man verlange ein Palace-Hotel, ein Exzelsior, ein Continental, und man hat gar diese Palace, Majestic und Grand Hotel in die Landschaft hinausgetragen, ans Meer, in die Alpen, in die Heil- und Kurorte.

Heute sind sie oft zu Kontorhäusern und rentableren Etablissements geworden oder schleppen an den schweren Ketten einer unheilbaren Finanzierung, und mancher Hotelier wäre froh, er besäße wieder ein „Goldenes Roß“ oder einen „Wildschweinskopf“. Denn im Bereich der Hotellerie ist der Hang entstanden, sich von der Monumentalität zu lösen. Man liebt es nicht mehr, anonymer Gast einer anonymen G.m.b.H. zu sein. In den westlichen Ländern fing man mit dem neuen Kammerstil an und ging auf den alten Namen zurück, man nennt sich nicht mehr Hotel, man heißt jetzt „Hostellerie“.

Dabei geht es nicht immer ohne Snobismus ab. Manche dieser Hotels neueren Genres gebärden sich modisch mehr durch ihre Preise, natürlich kombiniert mit gastronomischen Anstrengungen, als durch eine erneuerte Art Unterkommen zu geben. Eine Klasse von zeitgenössischen Menschen, die zweifellos den Finanzämtern gegenüber mit besonderen Gaben ausgestattet sind, versuchen einen neuzeitlichen „Adelsstand“ zu bilden, indem sie Hoteliers und Delikatessenhändlern Preise vorschreiben, die ihnen die Möglichkeit verschaffen, aristokratisch unter sich zu bleiben. Heute erregt es kaum noch Befremden, wenn ein Hotel für ein nicht übergewöhnliches Zimmer mit Frühstück und Trinkgeld hoch in 30 DM verlangt. Ein Pfund Gänseleber kostet 72 DM, den Preis des Kaviar vermag ich nicht nachzurechnen, eine Flasche Whisky 25 DM, in einer Hamburger Fischhandlung war kürzlich geräucherter Ostseelachs ausgestellt, das Pfund für 16 DM.

Die Gastrosophen, die sich jene Preise leisten, sind die Käufer der Kochbücher, in denen bei jedem Rezept auch steht, wie man das Gericht essen muß. Dieses Wissen bezog man früher aus der Kinderstube.

Die Wendigkeit des Kraftwagens arbeitet in der Hauptsache mit an der Umgestaltung des Hotelwesens. Sie erlaubt, die Nacht auch außerhalb der Stadt zu verbringen, selbst wenn die Fahrt einem Stadtbesuch galt. Allenthalben entstanden und entstehen Gaststätten, ein Umschichten von Halte- und Sammelplätzen, ein Umschaffen von Schlössern und Burgen, ein Ausweiten schöner alter Bauernhäuser zu Hotels, deren Reizen des Altertümlichen die Bequemlichkeiten zur Erfüllung moderner Ansprüche leiblicher Art beigesellt werden.

Bei dieser neuen Ära des Gastwesens handelt es sich nicht nur um die Anpassung des Gehäuses. Der persönliche Stil des Leiters gibt den Ausschlag, den früher bei den Palace-Hotels die Organisierung des Dienstes und der Finanzen gegeben haben. Da hat mein verstorbener Freund C. D. Stuntz, der in Carlshafen an der Weser den „Schwan“ zu einem wahrhaftigen Bijou machte, schon vor mehr als 40 Jahren Pionierdienste geleistet. 1910 kam ich zum erstenmal dorthin, als er gerade das Palais’chen des alten hessischen Landgrafen mit Hilfe von Schultze-Naumburg, seinem architektonischen Charakter gemäß, instand gesetzt hatte.

Es liegt erhöht gegen den Berg über dem Hafenbecken, der das Zentrum des gradlinigen Hugenottenstädtchens bildet und von puritanischen Amtsgebäuden aus der Mitte des 18. Jahrhunderts umstellt ist. Der Landgraf wußte, was er der Geistesstrenge seiner Hugenotten schuldig war und baute sich eine bescheidene Unterkunftsmöglichkeit für seine Besuche bei ihnen. Den Mittelpunkt des Hotels bildet ein Rokokosälchen, aber die geselligen Möglichkeiten ziehen sich durch andere Räume in den schattigen Garten und auf die Terrasse auf der hohen Steintreppe, über die man zu dem Hotel gelangt. Das Städtchen aber liegt zu Füßen des Palazzo, wie ein Geigenkasten voll weltflüchtiger Resonanz. Die Weser umschmiegt die Siedlung in einem Wiesen- und Waldgrund, der mit der bescheidenen Stille des Städtchens verschwistert ist.