Dornbirn, im Juni

Es bedeutet keine übertreibende Überheblichkeit, wenn Österreichs kleinstes Bundesland mit dem Schlagwort „vom Bodensee zum Gletschereis“ sich den Auslandsbesucher zu Gaste lädt. Diese vier Worte bezeichnen trefflich die vielfältige Schönheit des Landes vor dem Arlberg, das man hier nur selten mit seinem offiziellen Namen „Vorarlberg“ bezeichnet. Es heißt einfach „das Ländle“, und in dieser Bezeichnung drückt sich schon die Liebe aus, die seine Bewohner, die österreichischen Alemannen, ihrer bezaubernden Heimat entgegenbringen. Sie umfaßt dunkle Wälder, grüne Täler und steile Felswände. Sie reicht von der Stadt Bregenz (mit ihrem Spiel auf dem weiten See) im Norden, dem Städtchen Feldkirch im Westen, dem Bregenzer Wald, dem Großwalsertal und dem wilden Klostertal bis zur 2967 in hohen vergletscherten Schesaplana im mächtigen Rätikongebirge und der blauen Silvretta mit Felsenburgen und Gletscherfeldern im Süden bis zu dem internationalen Wintersportplatz des Arlbergs im Osten.

Dieses Land – die Sauberkeit, den Fleiß und die Baufreudigkeit seiner Menschen spürt man auf Schritt und Tritt – ist vor allem aber im Rheintal zwischen Feldkirch und Bregenz Österreichs wichtigstes Textilland. Es ist die Heimat von 22 000 industriellen und gewerblichen Textilarbeitern und von Fabrikantenfamilien, die bereits seit sechs Generationen sich mit der Textilfaser beschäftigen. Firmennamen wie F. M. Hämmerle, Benedikt Mäser, Herrburger & Rhomberg, Franz M. Rhomberg, Hämmerle & Böhler und J. M. Fußenegger in Dornbirn, Carl Ganahl & Co. in Feldkirch, Getzner, Mutter. & Cie. in Bludenz, Hohenemser Weberei und Druckerei in Hohenems, Vereinigte Tuch- und Deckenfabriken Sannwald & Co. in Hörbranz, Josef König & Co. in Lustenau, Josef Huber’s Erben in Götzis und Benger & Co in Bregenz haben nicht nur in Österreich einen hervorragenden Ruf; sie sind Textilunternehmen, die internationale Bedeutung besitzen. Eine mehr als 150jährige Entwicklung hat die Textilindustrie im „Ländle“ zum lebenswichtigsten Wirtschaftszweig werden lassen. Von den 360 Industrieunternehmungen des Landes gehören über 200 zur Textilbranche, die praktisch alle Sparten der Verarbeitung von Wolle, Baumwolle, Seide, Kunstseide und Zellwolle aufweist. In Vorarlberg laufen 40 v. H. aller österreichischen Baumwollspindeln und Webstühle, 46 v. H. der Kammgarnspindeln, 10 v. H. der Tuchwebstühle, über 50 v. H. aller Strickmaschinen, 26 v. H. der Seidenwebstühle, 98 v. H. der Klöppelmaschinen und alle Stickmaschinen. Das sind eindrucksvolle Ziffern. Hinzu kommt, daß Vorarlberg durch die Vielzahl seiner Mittelbetriebe zum krisenfestesten Bundesland Österreichs geworden ist: ein nicht zu unterschätzender Vorteil für dieses „Musterländle“, in dem man vergeblich nach politischem Radikalismus sucht und in dem von Wirtschaftsdemokratie nicht nur gesprochen wird: sie ist eben vorhanden.

Natürlich lag auch hier 1945 alles am Boden. Aber man wußte sich zu helfen: Lohnaufträge der benachbarten schweizerischen Textilunternehmungen, mit denen man trotz der scharfen Konkurrenz immer Freundschaft zu halten wußte, brachten gute Erfolge und Devisen. Dann ging es mit zähem Fleiß aufwärts: Man schuf neue Arbeitsplätze, errichtete Siedlungen und sicherte den Arbeitsfrieden. Vielfach sind die freiwilligen sozialen Leistungen der Unternehmungen an ihre Arbeiter größer als die gesetzlichen Sozialabgaben. Und wenn man durch die hellen Räume der modernen Werke geht, von denen einige auf internationaler Basis Vorbild sein können, erkennt man, daß hier technischer Fortschritt, Arbeitsfleiß und Privatinitiative einen Industriezweig zur bedeutsamsten Quelle des Volkseinkommens machten. Es ist bezeichnend, daß sich unter den mehr als 200 Textilfabriken keine einzige AG befindet: hier ist eine Hochburg der Familienbetriebe.

Seitdem die Vorarlberger Textilwirtschaft wieder mit ihren europäischen und überseeischen Abnehmern Verbindung aufnehmen konnte, folgte in den vergangenen zwei Jahren eine neue Blütezeit, obwohl die Preisentwicklung auf den Rohstoffmärkten viele Schwierigkeiten brachte. Wenn auch Zellwolle aus der eigenen österreichischen Produktion geliefert wird, so fehlen für die notwendigen Baumwoll-Importe doch die Devisen. Hier gab der Marshall-Plan, wie so oft in Österreich, eine sehr begrüßte Hilfestellung. Heute kommen zum Glück längst wieder Devisen aus aller Herren Länder ein. Ein Dornbirner Unternehmen, das je Monat 1,2 Mill. m Stoff produziert, exportiert etwa 30 v. H. seiner Produktion nach der Schweiz und 20 v. H. nach der Bundesrepublik. Taschentücher z. B. gehen auch nach England, nach Skandinavien und – in Spitzenqualitäten – nach Deutschland. Zu den besonderen Leistungen dieses Werkes gehören Stoffe, z. B. Hemdenstoffe und Kleiderstoffe, die nicht einlaufen! Ein anderes Werk der Dornbirner Textilindustrie liefert seine Dirndlstoffe bis nach Indien und Afrika. Zu den Hauptexportländern dieses Werkes, das 1400 Beschäftigte hat und über einen Export von 30 v. H. der Produktion verfügt, gehören Deutschland, die Schweiz, Italien, Skandinavien, Holland und eine Reihe überseeischer Länder.

Seit Anfang des Jahres stehen die Werke der österreichischen Textilindustrie allerdings in einer ernsten Absatzkrise, zumal der Umschlag vom Verkäufer- zum Käufermarkt reichlich plötzlich eintrat und die Preissenkung für Textilien um 5 bis 6 v. H. sich als recht unzureichendes Anreizmittel erwies. Im – April lagen Österreichs Textilumsätze noch um rund 25 v. H. niedriger als in der Vergleichszeit des Vorjahres. Eine Beseitigung der Krise dürfte aber nur über dem Weg der Rationalisierung möglich sein: mehr und billiger produzieren! Wenn auch die Modernisierung der österreichischen Textilindustrie in den letzten Nachkriegsjahren erhebliche Fortschritte gemacht hat, so darf doch nicht übersehen werden, daß 1951 die Produktivität ihrer Arbeitsleistung erst zwei Drittel von 1937 erreicht hatte, während der Produktivitätsgesamtindex der österreichischen Industrie sich nur knapp unter dem Vorkriegsstand befindet. Im Vorjahr lag die Erzeugung um 10 v. H. über dem Ergebnis von 1937. Aber dieses Ergebnis würde mit 94 000 Beschäftigten erreicht, während 1937 kaum 54 000 Arbeitnehmer in der Textilindustrie tätig waren. In Vorarlberg kam man in diesem Zusammenhang zu interessanten Ergebnissen: bei der Einführung der 35-Stundenwoche als Krisen-Notmaßnahme wurde festgestellt, daß die Leistung der einzelnen Arbeiter unter dem Druck der befürchteten Entlassung um ein Sechstel anstieg. Hier liegen also ohne Zweifel noch erhebliche Reserven für eine Kostensenkung.

Weitplanende Voraussicht ließ die leitenden Männer der Vorarlberger Textilwirtschaft, an ihrer Spitze Komm.-Rat Hermann Rhomberg, auf den Gedanken kommen, die exporttechnisch günstige Lage Dornbirns zu Deutschland, zur Schweiz und zu Liechtenstein zu nützen. Und so wurde Dornbirn zur jüngsten Messestadt Österreichs, die bereits heute nach Umsatz, Exporterfolg und Auslandsbesuch zu den beachteten Handelsplätzen Europas gehört. 1949 und 1950 wurde die Feuerprobe bestanden. 1951 stellten dann 704 Firmen aus, von denen mehr als ein Drittel aus dem Ausland kam: 125 aus Deutschland, 44 aus Italien, 42 aus der Schweiz, andere aus Belgien, Dänemark, Frankreich, Spanien, Holland und den USA. Man zählte 200 000 Besucher aus 31 Staaten, insbesondere aus Deutschland, der Schweiz, Italien, Rumänien, Jugoslawien, Frankreich, Spanien und England. Sehr stark beachtet wurden westdeutsche Textilmaschinen. Und die Bedeutung, die man in der Bundesrepublik dieser schwungvollen Messe am Drei-Länder-Eck zumißt, geht aus der großen Reihe offizieller und offiziöser Besucher hervor, die man an den Messetagen in Dornbirn trifft. In diesem Jahr erwartet Dornbirn zu seiner 4. Export- und Mustermesse vom 1. bis 10. August einen noch stärkeren Aussteller- und Käuferbesuch aus Westdeutschland. Für die rund 140 westdeutschen Aussteller hat die österreichische Nationalbank das Devisenkontingent von 150 000 auf 174 000 $ erhöht. Es hatte sich im vergangenen Jahr herausgestellt, daß die damals bewilligten 132 000 $ völlig unzureichend waren. Gefragt werden in Vorarlberg vor allem Vorbereitungs-, Ausrüstungs- und Wirkmaschinen, während Webstühle und u. a. Spinnmaschinen vorwiegend, wie bereits früher, aus den USA und aus der Schweiz bezogen werden. Augenblicklich hat man starkes Interesse für Druck-, Lege- und Rauhmaschinen, Zwirnereimaschinen, Färbereianlagen, Spannrahmen und hochleistungsfähige Web- und Wirkstühle für alle Textilgruppen.

Auf diese Messe kann das „Ländle“ so stolz sein wie auf seine bisherige Vergangenheit: hier entstand das erste Elektrizitätswerk zum Antrieb einer Baumwollspinnerei. Hier leuchtete die erste Glühbirne, als im übrigen Europa noch der Gasglühstrumpf als moderne Errungenschaft gefeiert wurde. Und schließlich leitete Kaiser Franz Joseph in einem Dornbirner Textilwerk mit einem für heutige Begriffe längst altertümlichen Fernsprecher den Fernsprechverkehr seines Reiches ein. Tradition verpflichtet... Willy Wenzke