Alt“ und „jung“ sind in dieser Stadt sehr relative Begriffe. Daß man auf eine tausendjährige Geschichte zurückblicken kann, in der die als frommes Stift gegründete Siedlung zum Marktflecken und zur Reichsstadt wuchs, kann hier ganz außer Betracht bleiben. Und zwar nicht nur in dem Sinne, daß man gewohnt ist, von der modernen „Industrie“ erst seit der Einführung der Dampfmaschine zu sprechen. Es ist vielmehr so, daß in dem frühen gewerblichen Leben Essens nicht einmal die Wurzeln ihrer modernen Wirtschaft zu suchen sind. Die wenigen Ausnahmen bestätigen nur diese Regel. So die Webereien im Ruhrtal: Gebrüder Colsman in Kupferdreh und die Werdener Feintuchwerke A.G. oder auch die einzige Papierfabrik des Bezirks A. Linneborn in Essen-Werden, die ihre Anfänge als „Holsterhauser Mühle“ sogar bis ins frühe 16. Jahrhundert zurückverfolgen kann. Aber sonst? Gewiß, den Kohlenbergbau kennt man schon sehr lange. Aber die seit dem frühen Mittelalter handwerklich betriebenen kleinen Stollenbergwerke liegen den modernen Zechenbetrieben nicht nur technisch, sondern vor allem in ihrer wirtschaftlichen Bedeutung eben doch unendlich fern. Immerhin sind sie die Anfänge und echten Wurzeln des späteren gewaltigen wirtschaftlichen Wachstums.

Der eigentliche Beginn der Essener Industrie fällt zwar, wie auch sonst im Ruhrgebiet, in die erste Hälfte des 19. Jahrhunderts und steht zunächst ebenso eindeutig und ausgeprägt wie in anderen Städten des Reviers im engsten Zusammenhang mit dem stürmischen Aufschwung des modernen Kohlenbergbaues und der sich daran anschließenden Eisenindustrie. Schon von früh an aber zeigt dabei die Essener Industrie durchaus einige Züge, die ihr vor allem durch das Werk von Alfred Krupp gegeben wurden. Essens Einwohnerzahl ist bis 1939 auf rund 665 000 gestiegen. 1938 zählte man 282 000 erwerbstätige Personen, davon im Bergbau 44 100, in der Metallwirtschaft 61 465 und von diesen wiederum allein bei Krupp 55 000. Sicht man sich dieses Bild genauer an, dann werden – gerade im Vergleich mit anderen Ruhrstädten – recht eindrucksvolle Besonderheiten deutlich. Dazu gehört, daß die Kruppsche Gußstahlfabrik durchaus kein typischer Betrieb der eisenschaffenden Industrie im engeren Sinne war, sondern ein Unternehmen sehr eigener Art, wo in erster Linie „Spezialitäten“, nämlich Edelstähle, Produktionsmittel und schwere Werkstücke für die verschiedensten industriellen Zwecke und auch Fertigprodukte, wie Lokomotiven, Lastwagen und Landmaschinen erzeugt wurden.

Der berühmte Name und die große wirtschaftliche Bedeutung der Firma Krupp haben in Essen durch viele Jahrzehnte so stark im Vordergrund gestanden, daß die Entstehung und das Wachstum anderer Industrien, weniger in das allgemeine Bewußtsein getreten ist. Dabei ist diese Erweiterung der ursprünglich allein auf Kohle und Eisen gegründeten Basis vor allem seit dem Ende des vorigen Jahrhunderts ständig fortgeschritten. Ein anderes trat hinzu: Essen war einer der ältesten Industrieplätze des Reviers, und dieser Stadt fiel daher angesichts ihrer zentralen Lage natürlicherweise in wachsendem Maße die Rolle einer echten Metropole dieses Wirtschaftsraums zu. Hier siedelten sich daher die neu entstehenden Organisations- und Verwaltungszentren an, Handel, Banken und Verkehrsunternehmen gewannen immer größere Bedeutung. Zu den Beiträgen über einzelne Industriezweige bleibt zu ergänzen, daß vor allem die Bauindustrie in der stürmisch wachsenden Großstadt ein natürliches Tätigkeitsfeld fand und daher schon seit längerer Zeit hinter Bergbau und Metallindustrie an dritter Stelle steht. Neben Großunternehmen des Hoch- und Tiefbaues spielen dabei vor allem auch bedeutende Firmen des Koksofenbaues – Heinrich Koppers G.m.b.H. und Didier-Kogag-Hinselmann A.G. – mit einer Tätigkeit, die sich über den ganzen Erdball erstreckt, eine besonders eindrucksvolle Rolle. Die Fülle der mittleren und kleineren Unternehmen der eisen- und metallverarbeitenden Industrien, die vor allem auch als Zulieferer des Bergbaues gewinnung, haben, der Fahrzeugbau, die Metallgewinnung, Kunststoff- und Holzverarbeitung, Industrien der Steine, und Erden, einige bedeutende Betriebe des graphischen Gewerbes und schließlich auch ansehnliche Unternehmen der Verbrauchsgüter-Industrie aus dem Textil-, Bekleidungs- und Nahrungsmittelgewerbe können hier nur summarisch erwähnt werden.

Das Bild der Essener Industrie war daher bis1939 schon recht bunt und vielseitig geworden. Immerhin dominierten damals Bergbau und Schwerindustrie, bedeuteten aber mit ihren auf ausgesprochene Männerarbeit gestellten Betrieben eine unerwünscht einseitige Belastung des Arbeitsmarkts. Ob sich hieran in nächster Zukunft etwas ändern wird, ist eine durch den Kriegsausgang gewaltsam neu gestellte Frage geworden. Krupp, das schwerindustrielle Zentrum Essens, ist durch Bomben, Demontagen und Produktionsverbote in seinem eigentlichen Kern vernichtet worden. Der Versuch, diese Wunde zu heilen, ist die große wirtschaftliche Nachkriegsaufgabe dieser Stadt. Sie ist mit Mut und Entschlossenheit angepackt worden, obwohl sie vor allem durch die Tatsache erschwert wurde, daß die Besatzungsbehörden erst Ende 1948 einen Liquidationsplan für das brachliegende Kruppgelände bekanntgaben. Zur Verwertung und Wiederbesiedlung dieses völlig devastierten Geländes, das siebenmal so groß ist wie die Essener Innenstadt, wurde 1949 gemeinsam von der Stadt und dem Lande Nordrhein-Westfalen die „Essener Industrieförderungsgesellschaft“ gegründet, die die Aufgabe hat, auf Grund vertraglicher Abreden mit der Firma Krupp Grundstücke und Gebäude auf dem Kruppgelände herzurichten und an Interessenten zu vermieten oder zu verkaufen. Erst seit neuerer Zeit ist auch die Firma Krupp selbst in der Lage, an diesen Bemühungen teilzunehmen. Investitionsmittel wurden vom Land sowie auch durch einen Kommunalkredit der Stadt Essen zur Verfügung gestellt.

In gemeinsamen Anstrengungen wurden bisher durch die Industrieförderungsgesellschaft 38 Firmen mit insgesamt 2878 Beschäftigten, durch die Firma Fried. Krupp 15 Firmen mit 3980 Beschäftigten angesiedelt. An eigenen Betrieben der Firma Friedr. Krupp (darunter als größte: Gießerei- und Hilfsbetriebe, Lokomotivfabrik, Widiafabrik, Baubetriebe) arbeiten 16 Betriebe mit 15 197 Beschäftigten. Die Gesamtzahl aller auf dem ehemaligen Kruppgelände heute wieder beschäftigten Personen beläuft sich damitauf rund 22 000. Die Zahl von 45 000, die dort in Friedenszeiten beschäftigt wurden, ist damit zwar noch nicht einmal zur Hälfte erreicht, aber ein erster wichtiger Schritt in dieser Richtung ist getan. Besonders erfreulich ist es, daß die neu angesiedelten Firmen den verschiedensten Industriezweigen angehören.

Insgesamt gesehen und gemessen an den großen Einbußen der Kriegs- und Nachkriegsjahre berechtigt das heutige Bild des industriellen Wiederaufbaues Essens zu der Hoffnung, daß diese Stadt ihren alten Rang als Ruhrmetropole behalten wird. In der Arbeit an diesem Ziel stehen alte und neue Betriebe in gemeinsamer ausdauernder Arbeit zum Besten ihrer Heimatstadt zusammen. August Wegener