Die Zeichen „RFC“, nämlich die Abkürzung für diese „Reconstruction Finance Corporation“ sind in Amerika sehr bekannt, schon deshalb, weil sich eine Senatskommission unter dem Vorsitz des Senators William J. Fulbright mit ihr vor aller Öffentlichkeit beschäftigt hat. Bei dieser Untersuchung kam heraus, daß Beziehungen zwischen Angestellten des „Weißen Hauses“ und der RFC allzu eng waren. Präsident Truman machte nun den Fehler, den Bericht Fulbrights als „eselhaft“ zu bezeichnen. Sonst wäre es vielleicht noch möglich gewesen, innerhalb der Behörde ein von der Öffentlichkeit nur wenig beachtetes Disziplinarverfahren gegen die schuldigen Beamten durchzuführen. So aber blieb dem Fulbright-Ausschuß nichts anderes übrig, als durch neue, in aller Öffentlichkeit geführte Untersuchungen den Beweis für die Richtigkeit seiner Feststellungen zu erbringen.

Da war also Herr E. Merl Young, der Gatte jener Frau, die den Pelzmantel erhielt. Er war lange Jahre Revisionsbeamter der RFC gewesen und kannte die Verhältnisse in der RFC genau. Er wußte sogar, daß dieses Wissen ein Kapital sei, mit dem er sich selbständig machen konnte. So schied er aus der Bank aus und ließ sich als selbständiger „Versicherungsunternehmer“ Young in Washington nieder. Bei der Bank hatte er jährlich 4500 Dollars verdient; jetzt verdiente er jährlich mindestens 60 000 Dollar. Nur eines fiel auf: Seine Frau, die es unter diesen Umständen nicht nötig gehabt hätte, weiterhin beruflich tätig zu sein, blieb nach wie vor Sekretärin im „Weißen Haus“. Kein Wunder, denn sie leistete ihm mit ihren Informationen in dieser Stellung unschätzbare Dienste.

Im „Weißen Haus“ saß außerdem ein alter Freund Youngs, nämlich Donald S. Dawson, der auch einmal Angestellter der RFC und zwar Leiter der Personalabteilung gewesen war. Von dort hatte ihn Präsident Truman in das „Weiße Haus“ geholt, weil er einen Personalreferenten für politische Stellenbesetzung brauchte. Ein hoher Vertrauensposten also! Offenbar schenkte ihm Truman dieses Vertrauen, weil Dawson aus dem gleichen Heimatstaat Missouri stammte. Als Dawson ins „Weiße Haus“ übersiedelte, setzte übrigens seine Frau Alva ihre Tätigkeit als leitende Angestellte in der Registratur der RFC fort.

Welch glückliche Konstellation! Jeder der beiden Freunde hatte seine Frau in der korrespondierenden Stelle. Wer dies zuerst ausnutzte, wir der Rechtsanwalt Joseph R. Rosenbaum. Er wir es dann, der Frau Young den berühmten Nerzmantel im Werte von 9500 Dollars schenkte. Er hatte allen Grund dazu. Gestützt auf die Freundschaft mit den Youngs, hatte Rosenbaum allenthalben durchblicken lassen, er könne RFC-Kredite verschaffen. Natürlich verschaffte er sie nicht umsonst. Auf diese Weise erhielten beispielsweise die berühmten Luxus-Strandhotels „Saxony“ und „Sorrento“ in Miami RFC-Kredite in Höhe von mehreren Millionen Dollar. Der Untersuchungsausschuß, den Truman „eselhaft“ genannt hatte, nahm Anstoß daran, daß Dawson und andere Angestellte des „Weißen Hauses? sowie der zuständige Sachbearbeiter der RFC einen mehrwöchentlichen kostenfreien Aufenthalt im „Saxony“ erhielten, für den der normale Hotelgast täglich dreißig Dollar zu bezahlen hat.

Dies war der Anfang des Skandals, aber noch nicht sein Ende. Der Untersuchungsausschuß stellte fest, daß fast alle Direktoren der RFC dem Druck der Gruppe Young-Dawson-Rosenbaum bei der Zuteilung der Kredite nachgegeben hatten. Da war zum Beispiel der dienstjüngste RFC-Direktor Dunham, der erklärte, Dawson, der damals schon im „Weißen Haus“ saß, hätte ihn überall eingeführt, und so sei er ein Mitglied des Dawson-Young-Kreises geworden. Anfangs habe er geglaubt, seine neuen Freunde wären „nur in dem Wohlergehen der Truman-Regierung“ interessiert. Später sei ihm jedoch der Verdacht gekommen, daß sie versuchten, „Gaunereien zu begehen“. Dunham fügte hinzu, daß prominente Demokraten stets eine besondere Bevorzugung durch die RFC erfahren hätten.

Hierfür ist der Fall „American Lithofold Corporation“ in St.-Louis bezeichnend. Nachdem ein Kreditantrag dieses Groß-Druckereiunternehmens dreimal von der RFC abgelehnt worden wir, wandte sich die Gesellschaft auf den Rat ihres Finanzsachverständigen Mr. Toole, – der alle Schliche kannte, weil er selbst einmal Revisionsbeamter der RFC gewesen war – an den Rechtsanwalt William M. Boyle. Dieser Mister Boyle war früher Sekretär beim Senator Truman gewesen, bis er zum Präsidenten des „Demokratischen Nationalkomitees“ emporrückte, des höchsten Gremiums der Demokratischen Partei. Boyle hörte sich also die Klagen der Lithofold-Leute an und war bereit, sich einzuschalten. Drei Tage später erhielt die Lithofold ihren ersten Kredit von 80 000 Dollar. Der Direktor der RFC war damals Harly Hise. Der ließ die Geschäftsführung der Lithofold von sich aus wissen, daß sie weitere Kredite erhalten könne. Allerdings müßten die Anträge über den Leiter des Hauptfinanzamtes in St.-Louis, James P. Finnegan, laufen. Dieser Mr. Finnegan, der ebenfalls seinen Posten der langjährigen persönlichen Freundschaft mit Präsident Truman verdankte, war in St.-Louis dafür bekannt, daß er über die Höhe der zu zahlenden Steuern mit sich handeln ließ. Auch die Lithofold hatte Erfahrungen dieser Art mit Jim Finnegan gemacht, so daß es für sie nicht schwierig war, zu erkennen, warum weitere Kreditanträge den Weg über ihn nehmen sollten. Gegen ein „Honorar“ und „Reisespesen“ von insgesamt 45 085 Dollar vermittelte „Jim“ der Gesellschaft RFC-Kredite in Höhe von 565 000 Dollar...

Der Auftakt