Von Ernst Krüger

Es ist das Unglück des sonst so weitblickenden, persönlich stets integren Präsidenten Truman gewesen, daß er – offenbar aus einem Bedürfnis, treu zu sein – Menschen seiner Umgebung zu viel Vertrauen geschenkt hat. Die Fälle, in denen dies Vertrauen getäuscht wurde, haben sich dann zu jenen Skandalen entwickelt, von denen die amerikanischen Zeitungen voll sind und von denen die „Zeit“ in ihrer vorigen Ausgabe einen kleinen Extrakt gab. Die Partei der Republikaner, die den nächsten Präsidenten der Vereinigten Staaten zu stellen hofft, hat gegen den Demokraten Truman die schwersten Vorwürfe erhoben. Meldungen von der Bestechungsfront sind zu einer dauernden Einrichtung amerikanischer Blätter geworden. Die Korruptionsfälle bei der RFC, der Wiederaufbaubank, und bei der Steuerbehörde haben viel Aufsehen erregt Und auch bei der Getreidelagerung stimmte etwas nicht...

Nein, der Präsident war nicht gut beraten! Kaum hatte Truman von den Skandalen bei der Steuerverwaltung gehört, da stellte er sich vor seinen Finanzminister John W. Snyder und erklärte, daß dieser für die Korruption im Amt für Steuereinnahmen nicht verantwortlich sei. So glaubte Truman auch, den Landwirtschaftsminister Brannan decken zu müssen, als sich herausstellte, das regierungseigenes Getreide in privaten Lagerhäusern verschwunden war. Der Schaden, den die Regierung dadurch erlitt, daß die Lagerhalter das Getreide bei hohen Marktpreisen verkauften, um es bei niedrigeren wieder zu ersetzen, beläuft sich nach den bisherigen Feststellungen auf acht Millionen Dollar.

Bei den Untersuchungen über diese höchst seltsamen Geschäfte stellte sich auch heraus, daß die Bundesregierung zwar eigene Lagerhäuser besaß, aber diese Räume billig an Privatfirmen vermietet hatte, die sie dann mit einem enormen Aufschlag an das Landwirtschaftsministerium zur Einlagerung des Getreides weitervermieteten. Hier könnte man auf Böswilligkeit der Beamten schließen. Aber nicht doch; es handelt sich um einen Triumph der Bürokratie. Den Vogel schoß hierbei die „Midwest Grain and Storage Company“ in Kansas City ab, die vom Landwirtschaftsministerium, also einer Regierungsabteilung, eine Jahresmiete von 382 000 Dollar erhielt, während sie selbst an die Regierung nur 11 270 Dollar Miete bezahlte! Das ist eine Groteske, die kein moderner Humorist besser ersinnen könnte; leider kostet sie den Staat viel Geld.

Bei alledem wird niemand darüber erstaunt sein, daß auch die Polizei, die doch eine zuverlässige und unbestechliche Stütze des Staates sein müßte, sich zum Sorgenkind der amerikanischen Öffentlichkeit entwickelte. Besonders in der New Yorker Polizei, die mit ihren 18 859 Angehörigen stärker als eine Infanterie-Division ist, kamen üble Dinge zutage. Innerhalb dieser Organisation mußten alle 336 Kriminalbeamten des „Sonderdezernats zur Bekämpfung von Glücksspiel und Laster“ vom Dienst entlassen oder in eine andere Abteilung versetzt werden.

Es war der Brooklyner Staatsanwalt Miles F. McDonald, der den Gerüchten über eine Zusammenarbeit zwischen erwerbsmäßigen Glücksspielern – in erster Linie Buchmachern – und der Polizei zuerst nachging. Er ließ Telefongespräche überwachen, besonders die eines gewissen Harry Groß. Eines Tages nahm der Abhördienst ein Gespräch zwischen Groß und einem seiner Angestellten auf, aus dem sich ergab, daß der Angestellte einem Polizeibeamten, dessen Namen er offen am Telefon aussprach, 350 Dollar gegeben hatte, um ein polizeiliches Eingreifen abzuwenden. McDonald ließ Groß verhaften, und damit begann die Aufdeckung des größten Korruptionsskandals, den New York je erlebt hat.

Es stellte sich heraus, daß Groß der Leiter eines Wett-„Konzerns“ war, der mit nicht weniger als 27 Wettannahmestellen, den sogenannten „Pferderäumen“, in den Stadtteilen genannten Manhattan und Bronx arbeitete. Acht mit den modernsten Nachrichtenübermittlungsgeräten ausgestattete Fernmelderäume übermittelten Wett- und Rennergebnisse verbotener Art, denn Buchmacher sind bekanntlich nicht erlaubt in Amerika. Von den vierhundert Angestellten, die Groß beschäftigte, waren einhundertundachtzig als Außenbeamte, als sogenannte Rumer, tätig, die vor allem den „Polizeischutz“ sicherzustellen hatten. Vor dem Richter gab Groß unumwunden zu, daß er monatlich 75 000 Dollar als Schutzgelder – er nannte sie „Eisgelder“ – an Polizeibeamte ausgezahlt habe. Doch das war nicht alles. Er schenkte den Polizeibeamten auch Maßanzüge, seidene Oberhemden und Fernsehgeräte, Geschenke, die er als unvermeidliche Unkosten seines Geschäftes betrachtete, mit dein er einen Jahresumsatz von zwanzig Millionen Dollar erzielte. – War „Harry“ Groß einmal knapp bei Kasse, dann halfen ihm aber auch die Polizeibeamten aus, die durch ihn wohlhabend geworden waren. Und als er 1949 das Pech hatte, zahlungsunfähig zu werden und sich nach Los Angeles aus dem Staube machte, war es die nach „Eisgeldern“ hungernde New Yorker Polizei, die einen anderen bedeutenden Buchmacher und Spieler, Willy Moretti, veranlaßte, Harry Groß’ Schulden zu bezahlen. Groß kehrte nach New York zurück und nahm mit seinen Geschäften bald auch wieder die Zahlung von „Eisgeldern“ auf. Die Empfänger dieser Gelder saßen nicht nur in den örtlichen Polizeirevieren, sondern auch im Polizeipräsidium.