Von Walther F. Kleffel

Obwohl viele Frauen segeln, sind sie in diesem Sport noch nie zu Spitzenkönnern geworden. Ja, es gibt noch nicht einmal „aktive Segelsportlerinnen (wohl aber Ringerinnen). Liegt es daran, daß Segeln ein ausgesprochener Kampfsport ist? Dieser Kampf also ist nicht nur in der Person eines anderen Gegners, sondern auch in den Naturgewalten und in der Überwindung künstlich aufgebauter Schwierigkeiten zu bestehen. Segeln ist keine leichte Angelegenheit, ein Boot unter Segel läuft durchaus nicht immer dahin, wohin man es gerne haben möchte.

Die große Parade der deutschen Segler, die schnell internationale Bedeutung gewonnen hatten und sie auch in der Zeit, da wir keine nennenswerte oder gar keine Marine besaßen, behielten, war von jeher die Kieler Woche, die in diesem Jahre ihren 70. Geburtstag feiern kann. Ihre Geschichte ist zugleich die Geschichte des deutschen Segelsportes, der von ihr immer wieder neue Anregungen erhielt.

Die Jubiläumsveranstaltung dieses Jahres, die am kommenden Sonntag ihren Anfang nimmt und im Hinblick auf die Olympischen Spiele größtes Interesse beansprucht, wird etwa 130 Teilnehmer aus den verschiedensten Segelrevieren am Start sehen. Zahlenmäßig gewiß nicht allzu imponierend, doch die Qualität ist entscheidend. Das Schwergewicht liegt diesmal auf den Olympischen Klassen, und hier werden auch zahlreiche Ausländer ihre Kräfte erproben: Österreicher und Schweizer, Schweden, Dänen und Finnen, dazu Jugoslawen und Franzosen Die Engländer wird man in den Seeregatten beobachten können. Es ist erfreulich, daß nun auch mit ihnen wieder der sportliche Verkehr aufgenommen werden konnte, nachdem die Besatzungsmacht sich entschlossen hatte, endlich den deutschen Eignern ihre beschlagnahmten Privatjachten zurückzugeben. Ein eindrucksvolles Bild werden die Felder der großen Seekreuzer geben. 25 deutsche und fünf ausländische Jachten beteiligen sich an der Wettfahrt „Rund um Fehmarn“ und an der Ostsee-Regatta Kiel–Visby über 360 Seemeilen.

Das Programm der Kieler Woche ist immer leicht zu beschreiben und zu erklären, ihr Fluidum aber muß erlebt sein. Vielleicht entstand es zum ersten Male vor 38 Jahren, als im Juni 1914 ein englisches Geschwader an der Kieler Woche teilnahm: Es war das 1. britische Schlachtschiff-Geschwader mit vier der modernsten Dreadnoughts und drei der neuesten Kleinen Kreuzer. Neben der Repräsentation der ruhmbedeckten Grand Fleet hatte diese Einheit den Auftrag, so nebenbei und unauffällig festzustellen, ob der damals erbaute Kaiser-Wilhelm-Kanal schon für Großschlachtschiffe befahrbar sei. Die deutschen Marinebehörden rochen den Braten und machten den englischen Gästen klar, daß leider der strategisch, so wichtige Kanal dafür noch nicht geeignet sei. (In Wahrheit konnte er natürlich längst durch Aufstauen auf den nötigen Tiefgang gebracht werden). Das Geschwader mußte notgedrungen seine Heimreise über Skagen antreten. Das aber tat der Liebe damals keinen Abbruch. Der Geschwaderchef, Sir George Warrender, ein alter Mitkämpfer des deutschen Admirals v. Usedom bei der Niederwerfung des Boxer-Aufstandes, setzte in ehrlicher Freude und Dankbarkeit für die kameradschaftliche Aufnahme seiner Offiziere und Matrosen durch die Bevölkerung Kiels, der alten Marinestadt, bei dem Auslaufen aus dem Hafen am 29. Juni 1914 (die Ermordung des Erzherzog-Thronfolgers Franz „Ferdinand hatte den jähen Abbruch des Besuchs gebracht) für den deutschen Seebefehlshaber das Abschiedssignal: friends today, friends in future, friends for ever! Vom Tag dieses Flaggenspruchs an dauerte es noch vier Wochen: dann brach der Weltkrieg aus.