Fritz von Unruh: Die Heilige. Roman. (Verlag Otto Erich Kleine, Braunschweig, 460 S., Ln. 14,80 DM.)

Siena im Jahre 1369. Ein junger Ritter legt den Kopf auf den Richtblock. Eine zweiundzwanzigjährige Nonne spricht ihm Trost zu und birgt das blutige Haupt des Opfers nach dem tödlichen Streich in ihren betenden Händen. Der Geköpfte war Niccolo Toldo aus Perugia, verurteilt, weil er versucht hatte, in Siena die Adelsherrschaft wiedereinzuführen, ein Verächter Gottes und der Menschen bis zum Tag vor seiner Hinrichtung. Die junge Nonne war Katharina Benincasa, die Heilige von Siena, die den Pestkranken den Todesschweiß von der Stirne küßte, die von den Mächtigen der Welt um Rat gefragt wurde, die den Papst aus dem Exil von Avignon nach Rom zurückführte und die hier einem gequälten Menschenherzen die Gnade der erbarmenden Liebe vermittelte.

Fritz von Unruh formte aus dem kurzen Geschehen von Bekehrung und Tod des Niccolo Toldo die Geschichte der Liebe zwischen Katharina und dem Ritter, mit allen Höhen und Tiefen, die das dramatische Vermögen des Dichters ihr zu geben vermochte. Die Gefahr der Verfälschung, der Unruhs Vorhaben ausgesetzt war, liegt auf der Hand, sie ist die Gefahr des historischen Romans überhaupt. Der historische Roman, der nicht nur Unterhaltung bieten will, hat innerhalb der Grenzen der geschichtlichen Wahrheit zu bleiben, die jedoch nicht mit einer lückenlosen Richtigkeit des Details identisch ist. Er zielt, entsprechend seiner Herkunft aus der europäischen Romantik, auf Erhellung der Gegenwart und Vorgriff auf eine ideale Zukunft durch die Geschichte hindurch. Er hat Macht und Ohnmacht des Individuums vor dem Gang des Geschicks zum Vorwurf, er ist deshalb immer aktualisierbar, hat eine ständige Disposition, die er als Besinnung, als Heimweh oder als Flucht erfahren oder erleiden kann. Ein Gelingen ist erst dort zu verzeichnen, wo die Historie etwas besagt, wo in ihr ein übergeschichtliches – besser: innergeschichtliches – Problem aufgedeckt und ihr Sinnort im Zusammenhang einer fortschreitenden Selbstwerdung des Menschen erfaßt wird.

Die Heilige als Zentralgestalt ergibt einen Sonderfall des historischen Romans, der sich hier nicht auf die dem historischen Roman eigene Autonomie des menschlichen Handelns beschränken kann. In der Existenz der Heiligen greift die Gnadenkraft über den menschlichen Wirkraum hinaus. Nur durch liebevolle Versenkung in die überlieferten Schriften seiner Heldin konnte Unruh jenen Tonfall des echten Bekenntnisses treffen, der die einzige Form darstellen dürfte, durch die historischer Roman und Heiligenleben zu einer Einheit zusammenzuwachsen vermögen. Nur so glaubt man der Heiligen den Menschen und dem Menschen die Heilige. Katharina, die Christusbraut, erleidet die Versuchung der Welt und erlebt sie als Entscheidungsmöglichkeit zur Uberwindung. Darum umgreift ihre Liebe zu Toldo die Liebe zu allem Geschaffenen im Lichte des Schöpfers selbst, Das Licht ist der dritte Hauptträger der Handlung, einer Handlung, die Erhellung und Erleuchtung eines menschen- und gottfremden Dunkels will. Toldo haßt Gott, der ihm die Liebe Katharinas streitig macht, als den Störer des Lichts bis er erkennt, daß Gott selber dieses Licht ist.

Um Katharina und Toldo verengt sich eine gärende Welt, rührende, abstoßende, hassende und verstehende Gestalten, durchweg scharf gezeichnet, typisch für ihre Epoche und sinnbildhaft wegweisend und hemmend über die Zeiten hinweg. Unruh schaltete souverän, ohne Furcht vor Anachronismen, versetzte die Akzente im Dienste der inneren Wahrheit mit dem Recht des echten künstlerischen Anliegens. Ihm gelang ein Roman, der Herz und Verstand gleichermaßen in Bewegung setzt, ein Buch, das mit der letzten Zeile noch lange nicht zu Ende ist.

Erich Köhler