Erzählung von Ingolf Jungclaus

Lucile hockte vor dem Schrank. Sie hatte Staub, gewischt und mit ihren zarten Fingern achtlos die Holzverzierungen umspielt. Dabei war ihr linker Daumen gegen die Pausbacke eines Engels gestoßen. Und nun sann sie.

Ihre Gedanken glitten wie ein fremder Film vorüber. Sie wurde durch die Handlung mitgerissen, aber nicht erschüttert, denn es war ja das längst bekannte, eigene. Leben. Als Hauptperson stellte sich ein Mädchen namens Lucile Degraux vor, ein folgsames und feinfühliges Geschöpf, das aber auch kurzsichtig und schmachtig war, eine blasse Kreatur, die so lange von der Liebe geträumt hatte, bis sie daran reifte und die Klugheit der Reife sie für die Liebe untauglich machte.

Lucile haßte nur einen Menschen auf der Welt, nämlich Madame de Falconi, eine Mischung aus französischem Adel und italienischer Maßlosigseit. Lucile liebte auch nur einen Menschen auf der Welt, nämlich den Fleischermeister Pierre Brubonne. Er war ein dicker, mehrfacher Vater in verschiedenen Gesellschaftskreisen und konnte mit der Axt auf einen Schlag Zwei Schweine töten.

Während Lucile Degraux wehmütig empfand, daß eine Träne ihr in der Minute bedenklicher Erinnerungen wohltun würde, während Luciles Kopf langsam und graziös heruntersank, knarrte die Haustür. Dann hörte sie das metallene Klopan eines Stockes, dessen Eisenende auf die Fliesen schlug. Tack, tack, tack, tack! Und dazwischen schlurfende Schritte. Diealte Falconi kehrte von ihrem Nachmittagsspaziergang zurück und schleppte sich der Tür ihres Wohnzimmers entgegen. Tack, tack, machte der Stock unbarmherzig; Lucile duckte sich. Eifrig wischte sie über das braune Nußbaumholz.

„Was soll der Quatsch“, keifte Madame de Falconi und ballte eine kleine weiße Faust „morgens. schläfst du, wenn ich dich brauche, mittags störst du mir meine Ruhe, und nachmittags wird Staub gewischt. Bin ich dein Putzlaputz? Soll ich etwaunter deinen Lauhen leiden? Geh, mach mir Kaffee!“ Jawohl, Madame“, sagte Lucile leise und erhob sich ächzend, denn ihre Beine schmerzten vom Knien. „Der Teufel soll dich holen, starrköpfiges Fräulein! Ja, schau nur in den Spiegel. – Jeder Mensch wird alt. Ich bin achtzig! Die Leute“bleiben auf der Straße stehen, wenn sie mir begegnen. Wozu ist Madame de Falconi die reichste Dame der Stadt? Scher dich hinaus!“ Lucile wankte in die Küche, setzte mit zitternden Händen Wasser auf den Herd und sank weinend vor dem Fenster zusammen. Ja, Madame de Falconi war achtzig, und Lucile Degraux wurde fünfundfünfzig. „Lieber Gott, laß Pierre Brubonne zu mir kommen und dieses Scheusal mit seiner Axt erschlagen“, murmelte sie. „Zehn Jahre schon! Zehn Jahre diese Qual! Wer nimmt denn eine alte Jungfer in seine Dienste! Alle Welt lacht über mich. Selbst der artige kleine Henri spottet hinter mir her. Soweit ist es nun gekommen. Mein Leben lang habe ich. mich auf den lieben, guten, alten Gott verlassen. Kein Wunder, daß mein Glück über den Wolken wohnte.“

Langsam zog sie sich an der Fensterbank hoch. Dieses Schauspiel unendlichen Jammers bereitete ihr sogar ein kleines Vergnügen, denn sie wähnte sich vom himmlischen Vater beobachtet und glaubte, er müsse aus Mitgefühl über ihr Unglück weinen. Tatsächlich, fing es schwach zu regnen an. Ein paar Tropfen klickten gegen die Scheiben und zeichneten dünne, lange Striche. Lucile stützte den Kopf gegen die Wand. Manchmal, wenn sie die knorrige Bank unter dem Küchenfenster betrachtete, glimmten ihre blaßgrauen Marmelaugen wie das Ende einer brennenden Zündschnur, und eine merkwürdig verbitterte Freude fraß sich langsam durch die Nervenstränge bis in die Seele hinein.