An der Ecke einer bunten bayrischen Sommerwiese, wo ein Waldweg abzweigt, stand eine hölzerne Tafel: „Jugendanstalt der Justiz.“ Der Art der Beschriftung nach hätte es auch „Jugendherberge“ heißen können. Am Ende des Wäldwegs jugendliche Stimmen. Gruppen von Jungen arbeiteten auf den Feldern. Andere hüteten Schafe und Ziegen. Der Weg führte zu einem Gebäude, das Ähnlichkeit mit einem Landerziehungsheim zu haben schien. – „O nein“, sagte jedoch der Hausherr, „als bloßes Erziehungsheim ist Laufen nicht gedacht. Jeder der 135 Jungen hier hat etwas ‚ausgefressen‘. Daß sie rechtskräftig .verurteilte Sträflinge sind, soll nicht wegdisputiert werden. Aber sie werden ohne Gehässigkeit behandelt.“

Der Direktor machte keine Musterschüler-Delinquenten aus ihnen. Und vor allem meint er nicht, daß man in Laufen durch Erziehung, oder gar „Wiedererziehung“, eine Patentlösung gefunden habe. „Ob sich einer hier – wirklich ‚wandelt“‘, sagte er, „wer kann das entscheiden? Die Gefahr ist immer, daß eine Symptomsverschiebung eintritt. Man drängt hier und dort Fehler zurück, und dafür kommt etwas Neues heraus.“

In Laufen sind Jungen (die Altersgruppe von 17 bis 19 Jahren ist am stärksten vertreten) aus ganz Bayern. „Eine törichte Frage, die wahrscheinlich immer wieder gestellt wird“, sagte ich. „Es ist wohl das ‚Milieu‘, das stark mübes’timmend wirkt?“

„Gewiß. Aber mehr das seelische und nicht sosehr das materielle. Delikte aus wirklicher Not sind äußerst selten!“ – „Und das Flüchtlingsproblem?“ – „Von unsern jugendlichen Gefallenen sind knapp 15 v. H. Heimatvertriebene, also weit weniger, als dies dem proportionalen Anteil in Bayern entspricht. In aller Not haben die Heimatvertriebenen ein Ethos, das sich als höchst wichtige Stütze erweist.“

Laufen besitzt Selbstverwaltung. Die Jungen wählen ihre Saalältesten selber. Ihr „Suchen nach Gerechtigkeit“, gerade auch bei den Rechtsbrechern, ist stark betont – Gerechtigkeit ihnen gegenüber. Aber das ist ein Mittel, ihnen eilen Sinn für das Recht schlechthin, für Gerechtigkeit gegenüber dem Nächsten beizubringen. Die Hiftlinge erhalten Werkunterricht. In den Schuster- und Schreinerwerkstätten geht es zu, wie es eben unter Schuster- und Schreinerbuben zugeht.

Zur Anstalt gehören 54 Hektar Acker. „Sehen Sie sich dieses herrliche Land an“, sagte ein Lehrer, der uns führte. „Diese Wiesen, die Wälder und Hügel. Wir sprechen aus Erfahrung: Das alles hat auf die Jungen einen guten Einfluß.“ Gleich hinter den Feldern rauscht die Salzach. Man sieht über sie hinweg nach Österreich. Aber seit über drei Jahren ist kein Junge mehr „getürmt“.

Was geschieht, wenn die Strafzeit zu Ende ist? Ein Junge, der als Kassenbote oder sonst in einer kaufmännischen Stellung untreu war, wird kaum wieder in seinem alten Berufe unterkommen. Eine Senkung des sozialen Niveaus ist unvermeidlich. Und es bleibt in den Jungen oft das Gefühl, „versagt“ zu haben, bevor das Leben überhaupt richtig begonnen hat. Das nimmt ihnen den Mut.