Die Vorgänge auf Koje: Späte Lehre für alliierte Kriegsgerichte

Unter dem Schutz von Panzern mit Tränengas und Bajonetten haben die kampferprobten Truppen der Vereinten Nationen die Gefangenen, die sie auf den Schlachtfeldern Koreas gemacht hatten, nun auch im Lager noch einmal besiegt. Verloren aber ging eine Schlacht um das moralische Prestige der Vereinten Nationen.

Bis zum Juli 1951 war es auf Koje ruhig. Die Gefangenen waren zufrieden, denn sowohl Verpflegung wie Behandlung waren besser, als sie es gewohnt waren. Dann aber gelang es einer fanatischen, gut gelenkten Minderheit von Kommunisten unter der Führung des nordkoreanischen Obersten Lee Hak Koo, erst im Lagerbezirk 76 und dann fast in dem gesamten, 80 000 Gefangene zählenden Lager das Kommando an sich zu reißen und ein nahezu unumschränktes Terrorregime zu errichten.

Die kommunistische „Lagerleitung“ scheute kein Mittel, um sich gegen die nichtkommunistischen Gefangenen durchzusetzen. Sie errichtete Femegerichte, durch die 135 Antikommunisten zum Tode verurteilt und, zum Teil nach grausamen Foltern, im Lager hingerichtet wurden. Die Lager wurden. mit herausfordernden Spruchbändern und roten Fahnen geschmückt. Die kommunistischen Gefangenen exerzierten hinter Stacheldraht, sie schmiedeten primitive Waffen in einer Behelfs-Feldschmiede und legten regelrechte Schützengräben und Verteidigungsstellungen an, die am 25. und 26. Mai durch UNO-Aufklärungsflugzeuge „erkundet“ werden mußten. Schließlich rüsteten die Kommunisten zu einem gewaltsamen Ausbruch, der die ganze Insel unter ihre Herrschaft bringen sollte.

Nicht diese Vorgänge sind für Kenner der kommunistischen Mentalität erstaunlich, sondern die Behauptung, daß die amerikanische Lagerleitung monatelang diese Vorgänge nicht bemerkt haben soll. In der Tat wußte sie genau Bescheid, aber weder in Washington noch in Tokio brachte man die Entschlossenheit auf, den Kommunisten sofort mit den gleichen Methoden entgegenzutreten, die sie selbst anzuwenden pflegen. Erst nach den großen Meutereien vom 18. Februar und 13. März, bei denen nahezu 90 Gefangene den Tod fanden und 180 verletzt wurden, und erst nach dem Dreigroschenoper-Intermezzo der Gefangennahme des Lagerkommandanten Francis T. Dodd griff die Lagerleitung durch. Aber auch dann zögerte der neue Kommandant/ General Boatner, bis zum 14. Juni, ehe er den Kommunisten mitteilte, daß weitere Fememorde „nunmehr“ unnachsichtig geahndet würden.

Es hieße sich die kommunistische Propaganda zu eigen machen, wollte man den Amerikanern vorwerfen, sie hätten auf Koje „Kriegsverbrechen“ begangen. Die Lagerleitung hat sich vielmehr alle Mühe gegeben, die Kriegsgefangenen entsprechend den Bestimmungen der Genfer Konvention zu behandeln. Aber weder das amerikanische Heeresministerium noch das UNO-Oberkommando in Tokio haben eine Wäre Vorstellung von der Art und Weise, in der Kommunisten Krieg führen, Krieg bis in die Kriegsgefangenenlager hinein. Hätten sie begriffen, daß Moskau und Peking jedes Mittel, auch die Opferung der eigenen Kriegsgefangenen recht ist und daß die Kommunisten auch im Gefangenenlager noch fanatisierte Werkzeuge Moskaus sind, so wäre es nicht zu den Zwischenfällen von Koje gekommen.

So aber wurde in Koje eine Unterlassung begangen, die nach dem zweiten Weltkrieg jeden deutschen General nach Werl oder Landsberg gebracht hätte. Artikel 13 der Genfer Konvention über die Behandlung von Kriegsgefangenen vom 12. August 1949 besagt: „Jede unerlaubte Handlung oder Unterlassung seitens des Gewahrsamsstaates, die den Tod oder eine schwere Gesundheitsgefährdung eines ... Kriegsgefangenen zur Folge hat, ist verboten und als schwere Verletzung des vorliegenden Abkommens zu betrachten.“ Feldmarschall Erich von Manstein wurde, in Punkt vier der Anklage, als „Kriegsverbrecher“ verurteilt mit der Begründung, er habe „gröblich seine Pflicht verletzt“, die Pflicht nämlich, für eine menschliche Behandlung russischer Kriegsgefangener zu sorgen. Er wurde also wegen einer Unterlassung verurteilt. Haben aber die Lagerkommandanten in Koje nicht ihre Pflicht, für eine menschliche Behandlung der Antikommunisten zu sorgen, „gröblich verletzt“? Ist es nicht ihren Unterlassungen zuzuschreiben, daß 135 antikommunistische Kriegsgefangene auf die grausamste Weise von den fanatisierten Kommunisten umgebracht wurden? Gewiß wird niemand daran denken, die beiden amerikanischen Generale als „Kriegsverbrecher“ zu bezeichnen. Eine Konsequenz aber mußte aus den Vorgängen in Koje gezogen werden, daß nämlich die Amerikaner sich endlich darüber klarwerden, was es bedeutet, Krieg zu führen gegen einen Gegner, der nicht mit der Genfer Konvention im Tornister aufs Schlachtfeld zieht, sondern mit der Devise: Totaler Krieg, totaler Einsatz, totale Vernichtung.

Joachim Schwelien