Wohin sind die Zeiten entschwunden, da der Dichter die Vorstellung beschwor, der Geist sitze am sausenden Webstuhl der Zeit und webe der Gottheit lebendiges Kleid? Gibt es noch diese Vorstellung, daß die Menschheit, ein unsichtbares, von den Göttern geheimnisvoll entworfenes Muster nachwebe? Webt nicht heute jeder sein eigenes Muster und ein Kleid, das nur für ihn selbst bestimmt ist? Und wer webt eigentlich?

Ja, wer webt? Da sind die Regierungen, die nach einer bestimmten politischen Auffassung die Geschicke ihres Landes leiten; die Parlamente, die diese Politik bestätigen oder korrigieren; die Außenminister, die Konferenzen abhalten, sie Scheitern lassen oder Verträge schließen; und da sind die Völker (von Menschheit kann man gesind nicht sprechen), die eben diese Regierungen, Parlamente und Außenminister wählen. Oft hat ihre Beteiligung an dem Ganzen mit diesem jeweiligen Akt der Wahl sein Bewenden. Aber hin und wieder gibt es Fragen, die plötzlich jeden einzelnen ganz persönlich angehen, und dann ist der, der am Webstuhl sitzt, in einer schwierigen Lage. Dann kann er nämlich nicht mehr nach seinem eigenen möglicherweise sachlichen Konzept weiterweben, sondern er muß hinhorchen auf die Argumente und Emotionen der vielen einzelnen, denn mindestens in der westlichen Welt hat jeder das Recht mitzuwirken.

An einem solchen Punkt stehen wir heute. Der Deutschland-Vertrag und der europäische Verteidigungspakt, mit der Verpflichtung, deutsche Divisionen aufzustellen und der damit offensichtlichen Konsequenz für jeden Bürger, hat alle Mitwirkenden an ihr Mitbestimmungsrecht erinnert. Beide Verträge sind unterschrieben. Und damit ist zweifellos ein entscheidender Schritt getan. Damit ist nämlich einmal dem Westen gegenüber der Verdacht widerlegt, Deutschland wolle sich nicht festlegen, sondern versuche immer nur, einen gegen den anderen auszuspielen. Und damit ist zum anderen Sowjetrußland gegenüber ein Limit gesetzt für seine Politik, mit Drohungen die Integration Deutschlands zu verhindern oder sie mit immer neuen, scheinbar verlockenden Angeboten hinauszuzögern. Binnen kurzem, sobald nämlich die Ratifizierung vollzogen ist, wird diese Methode keine Wirkung mehr haben; dann werden die Russen sich Neues ausdenken müssen.

Eben hierüber ist nun in dieser bedeutsamen Phase zwischen Unterschrift und Ratifizierung ein allgemeines Rätselraten unter den westlichen Völkern und den einzelnen Bürgern dieser Völker ausgebrochen. Sachlich lautet die Frage: Erstens, werden die Russen, die jetzt, da sich herausstellt, daß sie mit der Methode der Einschüchterung nichts erreicht haben, nicht vielleicht doch bereit sein, es im letzten Moment mit wirklichen Konzessionen zu versuchen? Oder vom Westen her gesehen: Hat nicht die Politik, der starken Hand einem unwilligen Verhandlungspartner gegenüber nur Sinn, wenn man fünf Minuten vor zwölf noch einmal innehält, um zu fragen, ob er sich inzwischen eines Besseren besonnen habe? Zweitens lautet die Frage: Was wird die Politik des Kremls in der neuen Phase, also nach der Ratifizierung, eigentlich sein? Vielleicht Aggression gegen den Westen, vielleicht Eingliederung der Ostzone in die Sowjetunion, vielleicht wachsender Terror gegen die deutsche Bevölkerung der Zone?

Neben diesen rein sachlichen, echten Fragen, die sich den verantwortlichen Politikern stellen, wird eine Reihe zum Teil emotionaler und jedenfalls ganz verschiedenartiger Bedenken laut, die Zweifel an der endgültigen Bestätigung der bisherigen Politik zum Ausdruck bringen oder mindestens die Zahl derjenigen, die diese Politik entschlossen tragen, vermindern. Das ist nun in der Tat ein sehr buntes Gemisch von Sorgen, Argumenten und Absichten, die alle zusammen zwar keinen harmonischen Chor abgeben, die aber doch eine nicht zu überhörende Lautstärke besitzen.

Da sind diejenigen, die mit der Remilitarisierung auch den Ungeist des Militarismus wieder heraufziehen sehen, und diejenigen, die berechtigte oder unberechtigte Ressentiments gegen die Diffamierung der deutschen Soldaten durch die westlichen Alliierten in der Brust tragen. Viele befürchten, die Zweiteilung Deutschlands werde durch die unterschriebenen Verträge verewigt, andere wiederum glauben, man brauche sich nur an dem Ost-West-Konflikt zu desinteressieren und nicht selber Stellung zu beziehen, um der Segnungen der Neutralität teilhaftig zu werden. Und schließlich hat die Opposition das in der Demokratie konzessionierte Recht, gegen die Politik der Regierung zu agitieren, und dies geschieht naturgemäß am wirkungsvollsten, indem all diese potentiellen Widerstände gegen die Regierungspolitik bewußt formuliert und verstärkt werden.

Viele sind heute in Deutschland entschlossen, die bisherige Politik kompromißlos weiter zu verfolgen, denn, so sagen sie: Wir haben es zur Genüge erlebt, daß Konferenzen mit Rußland zu nichts führen, und wir glauben, daß die Einheit nur dann zu erreichen ist, wenn der Westen stark ist; denn erst seit der Westen eine starke Politik, macht, sind überhaupt Angebote, wenn auch unzulängliche, von Moskau gekommen. Viele aber stehen mit voller Überzeugung auf dem entgegengesetzten Standpunkt. Das, worauf es für eine demokratische Regierung letzten Endes ankommt, ist aber: die Unentschiedenen zu gewinnen. Denn je größer die Zahl der Bürger, die hinter den Maßnahmen der Regierung stehen, desto eher wird sie in der Lage sein, die möglichen Rückschläge auszuhalten. Und die Sowjets werden schon dafür sorgen, daß der Druck nach der Ratifizierung wächst.